Auch zwei Jahre nach der Beinahekatastrophe fehlen noch Berichte zum ICE-Unglück

Kein Licht im Tunnelunfall

Fulda. Es war einer der schwersten Eisenbahnunfälle der jüngsten Vergangenheit in Deutschland. Doch auch zwei Jahre nach dem ICE-Unglück am Landrückentunnel in der Nähe von Fulda ist weder die genaue Ursache noch die Schuldfrage eindeutig geklärt. 73 der 145 Fahrgäste wurden verletzt, als der Zug am späten Samstagabend des 26. April 2008 mit Tempo 220 vor dem Tunnelportal in eine Schafherde raste und entgleiste. Der Schaden ging in die Millionen.

Die Staatsanwaltschaft Fulda wartet noch immer auf einen dringend benötigten Bericht der Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes (EUB). „Wenn ein Zug in eine Schafherde fährt, frage ich mich, wofür man zwei Jahre braucht“, kritisiert der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Harry Wilke, und legt seine lange gepflegte Zurückhaltung ab. „Ich habe dafür kein Verständnis mehr. Es passiert einfach nichts. Wir sind machtlos. Uns sind leider die Hände gebunden.“ Im Visier der Ermittler ist nach wie vor die Bahn. Der Unfallbericht soll Hinweise liefern, ob sich der Konzern strafbar gemacht hat. Es geht um die Frage, ob die Bahn ihrer „Unfallverhütungs- und Verkehrssicherungspflicht“, wie es im Fachjargon heißt, ausreichend nachgekommen ist.

Beharrliches Schweigen

Zu den wichtigen Detailfragen schweigt sich das Unternehmen beharrlich aus. Unklar ist zum Beispiel, was in der Betriebsleitzentrale mit der Meldung eines Zugführers passierte, der kurz vor dem Unglücks-ICE in entgegengesetzter Richtung bereits mit einem Schaf kollidiert war.

Auch der Besitzer der Schafherde muss noch immer mit Ungemach rechnen. Gegen den Landwirt war wegen des Verdachts des gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr und der fahrlässigen Körperverletzung ermittelt worden. Ein Tatverdacht hatte sich aber nicht bestätigt. Das Verfahren wurde nach rund zehn Monaten zu den Akten gelegt. Doch ganz aus dem Schneider ist Norbert Werner noch nicht. Er fürchtet eine Schadensersatzklage der Bahn. Auch zu dieser zivilrechtlichen Frage schweigt das Unternehmen eisern.

Für den Schäfer war die Beinahe-Katastrophe ohnehin ein harter Schlag, als er an dem Samstagabend vor zwei Jahren 77 seiner 150 Schafe verlor. Sie waren zwar ordnungsgemäß eingezäunt auf einer Weide gewesen. Wohl von streunenden Hunden aber aufgeschreckt, liefen sie vor das benachbarte Tunnelportal. Der durch die getöteten Tiere entstandene Schaden liege für ihn bei vielen tausend Euro.

Bis heute hat die Bahn zur Sicherung der Unfallstelle keinen Zaun aufgebaut.

Von Jörn Perske

Quelle: HNA

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