Politiker befürchten Export von Hochtechnologie - Fordert Land 107 Mio. Euro zurück?

Krebstherapie nur für China?

Wiesbaden/Marburg. Der Rückzug der Rhönklinik AG aus der Partikeltherapie für Tumorkranke in Marburg nährt Befürchtungen, dass diese Technologie nach China transferiert werden könnte und deutschen Patienten nicht zugute kommt.

Denn: Die Herstellerfirma Siemens und der Klinikkonzern haben bekanntgegeben, dass die Klinik aussteigt und Siemens die Anlage nur noch für eigene Forschungszwecke nutzen will. Die Anlage erfülle die technischen Voraussetzungen für einen klinischen Routinebetrieb nicht. Auch in Kiel hat Siemens mit dieser Begründung einen Rückzieher gemacht. Dort fordert die SPD-Fraktion den Bund auf, sich einzuschalten. Es handele sich um ein medizinisch-wissenschaftliches Projekt von nationaler Bedeutung.

Der Kieler SPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Weber fürchtet, dass Siemens sich auf die Einführung der Partikeltherapie im chinesischen Schanghai konzentriert, wo das Unternehmen nach eigenen Angaben die Arbeiten „an der tendenziell forschungsorientierten Anlage“ fortsetzen will. Weber: „Wir wollen nicht, dass wie beimTransrapid eine in Deutschland entwickelte Hochtechnologie hier wieder abgeschraubt und anschließend damit in China Geld verdient wird.“,

Die Entwicklung in Marburg stellt auch eine Verletzung der Verträge mit dem Land Hessen dar. Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU/Kassel) erklärte, entgegen der Darstellung des Konzerns seien noch nicht alle Verpflichtungen aus der Übernahme der Unikliniken durch den privaten Betreiber erfüllt. Laut Vertrag sei sicherzustellen, dass die Partikeltherapie „für Zwecke von Forschung und Lehre zur Verfügung steht“.

In Marburg hatten die Betreiber bis zu 2000 Patienten im Jahr behandeln wollen. Dazu aber, so der Direktor der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt, Horst Stöcker, sei die Marburger Anlage nicht schnell genug. Er ist aber zuversichtlich, dass auch mithilfe der GSI in den nächsten zwei Jahren an der Schnelligkeit und damit an der Wirtschaftlichkeit der Anlage gearbeitet werden kann.

Der Marburger SPD-Landtagsabgeordnete Thomas Spies erklärte, wenn die Anlage nicht den Patienten zugutekomme, müsse die Rhönklinik AG die Investitionskosten von 107 Millionen Euro an das Land zurückzahlen. In Betrieb ist dagegen seit 2009 eine Siemens-Anlage in Heidelberg, in der bislang 400 Tumorpatienten behandelt worden sind. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen dort bis zu 19 500 Euro pro Bestrahlungszyklus.

Stichwort: Partikeltherapie

Bei der Partikeltherapie handelt es sich um ein sehr präzises Verfahren zur Bekämpfung von Krebsleiden, das kaum Schäden in der Umgebung des Tumors hinterlässt. Dabei werden Protonen und Kohlenstoff-Ionen in einer aufwendigen Beschleunigeranlage auf mehr als 70 Prozent der Lichtgeschwindigkeit gebracht und zielgenau auf den Tumor gelenkt, wo sie Krebszellen zerstören.

Geeignet ist die Technik vor allem für klar abgegrenzte Tumore im Kopf, an der Wirbelsäule und an der Prostata. Das Verfahren ist sehr teuer und aufwendig, die Therapie selbst aber kostengünstiger als etwa die Chemotherapie. Im Ionenstrahl-Therapiezentrum Heidelberg wurden seit der Eröffnung Ende 2009 gut 400 Patienten so behandelt.

Chronologie: Die Privatisierung

2004: die Landesregierung will die mittelhessischen Unikliniken privatisieren, um die Standorte zu sichern. Zum 1. Juli 2005 werden die Kliniken in Marburg und Gießen fusioniert, am 31. Januar 2006 beschließt der Landtag die Privatisierung.

Aus einem Bieterverfahren gehen die bayrischen Rhönkliniken als Käufer hervor. Sie verpflichten sich, 112 Millionen Euro zu zahlen und bis 2010 rund 367 Millionen Euro zu investieren sowie ein internationales Zentrum für Partikeltherapie zu errichten.

Am 18. Juli 2011 geben Rhönklinikum und die Herstellerfirma Siemens bekannt, dass die Partikeltherapie nicht wirtschaftlich arbeiten könne und Siemens sie daher zu weiteren Forschungszwecken übernehme.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

Rubriklistenbild: © Foto: Uni Marburg

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