Hessens Tierschutzbeauftragte im Interview: Löcher aus Lotto-/Totomitteln stopfen

Krise trifft auch Tierheime

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Krise trifft auch Tierheime

Kassel. Tierschützer schlagen Alarm: Die Wirtschaftskrise trifft auch die Tierheime. Besonders brenzlig ist die Lage momentan schon im Tierheim Beuern, mit dem alle 14 Städte und Gemeinden des Schwalm-Eder-Kreises einen Vertrag abgeschlossen haben.

Von denen, heißt es im Tierheim, kommt aber zu wenig Geld, um Kosten für die aufgenommenen Fundtiere zu decken. Über die bedrohlichen Finanzsorgen der Tierheime sprachen wir mit der Tierschutzbeauftragten des Landes Hessen, Madeleine Martin.

Wenn Bürger weniger Geld in der Tasche haben, sinkt die Spendenbereitschaft. Wie spüren das Hessens Tierheime?

Madeleine Martin: Es wirkt sich ganz massiv auf alle Tierheime in Deutschland aus. Das hat eine Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes ergeben. Die Spendeneinbrüche sind sehr groß. Es gibt leider nur wenige größere Sponsoren. Für einzelne Tierheime sind sie die absolute Ausnahme. Der Rückgang ist klar bei den privaten Spendern.

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Reicht das Geld fürs laufende Geschäft noch?

Martin: Es gibt Tierheime, die damit ganz große Probleme haben und in den nächsten Monaten insolvent gehen, wenn sich das nicht ändert. Deshalb muss man längerfristig und nachhaltig überlegen, wie man Tierheimen helfen kann. Heime, die besondere Probleme haben, müssen finanziell unterstützt werden. Gefragt sind die Kreise, die für die Veterinärämter Tiere einziehen, aber auch das Land.

Wie soll das funktionieren?

Martin: Mit Geld aus Lotto- und Totomitteln. Das fordere ich schon lange. Die Landesregierung hat leider noch nicht darüber entschieden. Lottogelder sind in der Vergangenheit bereits an Tierschutzvereine und Tierheime geflossen. Das muss verstärkt werden.

Welche Möglichkeiten gibt es noch, um die Finanzsituation zu verbessern?

Martin: Die Gemeinden haben im Bereich der Fundtiere eine gesetzliche Verpflichtung, mit Tierheimen zu kooperieren und sie zu entlohnen. Aus dieser Verantwortung haben sich viele Gemeinden auch in Zeiten mit besserer Kassenlage entzogen. Sie haben zwar Fundtiere gebracht, aber es gab keine soliden Verträge mit den Tierheimen. Es geht nicht um eine freiwillige Leistung, sondern um die Einhaltung von Gesetzen. Die Gemeinden müssen Fundsachen aufbewahren, das gilt auch für Tiere.

Werden auch vermehrt Tiere abgegeben, weil Besitzer sie nicht mehr ernähren können?

Martin: Eindeutig ja. Die Zahl der Abgabetiere ist deutlich gestiegen. Der Tierschutzbund geht von 30 Prozent aus.

Was kostet die Heimunterbringung von Tieren?

Martin: In der Regel wird um eine Spende gebeten. Nur so laufen die Tierheime. Aber Tiere werden auch so genommen, wenn die Gefahr besteht, dass sie ansonsten ausgesetzt würden.

Könnten Bürger, die ein Tier aus einem Heim nehmen, belohnt werden, etwa durch zeitweisen Hundesteuer-Erlass?

Martin: Eine wunderbare Möglichkeit, Anreize zu setzen. Es gibt Gemeinden, die dann auf die Hundesteuer verzichten. Das können die Kommunen entscheiden. Die Stadt Eschborn zum Beispiel erhebt gar keine Hundesteuer (siehe Hintergrund unten).

Von Peter Klebe

Zur Person

Dr. Madeleine Martin (49) ist seit 1992 hessische Tierschutzbeauftragte. Sie arbeitet im Umweltministerium, wirkt mit an der Einhaltung artenschutzrechtlicher Bestimmungen und berät in Tierschutzfragen. Zuvor arbeitete Martin als Tierärztin. Sie hat zwei Kinder. (kle)

Hintergrund: Steuerrabatt und Hundefahnder

Unterstützung für Einwohner, die Hunde aus dem Tierheim holen, gibt’s zum Beispiel in Köln: Dort wird die Hundesteuer des ersten Jahres erlassen - das sind höchstens 156 Euro. Gilt natürlich nur für Kölner/Kölnerinnen und Kölner Tierheime.

• In die entgegengesetzte Richtung marschiert die Schwabenhauptstadt Stuttgart: Dort hat der Verwaltungsausschuss laut „Stuttgarter Nachrichten“ jüngst einer Hundebestandsaufnahme zugestimmt. Sprich: Wie nach Schwarzhörern - und -sehern, die keine GEZ-Gebühren zahlen, soll dort jetzt nach unversteuerten Hunden gefahndet werden. Stuttgart will so zusätzlich 300 000 Euro Hundesteuer jährlich einnehmen - 2700 „Schwarzhunde“ müssten dafür auffliegen.

• Als Einzelfall unter den 13 400 deutschen Städten und Gemeinden gilt Eschborn bei Frankfurt: Dort wurde die Hundesteuerpflicht 1999 ausgesetzt. Nicht weil die Eschborner Kommunalpolitiker extra tierfreundlich wären, sondern „weil die Einnahmen so gering waren, dass sie die Kosten der Erhebung nicht einmal deckten“, merkt die „IG Hund - Initiative gegen Hundesteuer“ an. (wrk)

Quelle: HNA

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