Rauswurf des Kasseler Polizeipräsidenten löst Diskussion um Sicherheitspolitik in Hessen aus

Kurierfahrten statt Gangsterjagd

Kassel. Horcht man in die Polizei hinein, so dauert es nicht lange, bis man aus allen Eckken erfährt, wie groß der Druck mittlerweile ist, wie überlastet sich viele Polizisten fühlen, wie unterbesetzt Dienststellen sind.

Wer das aber vernehmlich kritisiert, das sagen viele Beamte, der werde gemaßregelt, die Wahrheit werde nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. Wer sich in den Dienststellen und unter den Beamten umhört, erfährt dies: Wo normalerweise sechs Beamte Dienst tun müssten, sind nachts in Polizeistationen und Dienstgruppen oft nur noch zwei Beamte im Einsatz.

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Reichlich Überstunden werden produziert - landesweit sollen Polizisten zwei Millionen vor sich herschieben. Innemminister Volker Bouffier gehe es vor allem darum, möglichst viele gelöste Fälle zu produzieren, sagen Kritiker.

Die SPD kritisiert die Polizeipolitik von Innenminister Bouffier vehement: In den Jahren 2007 und 2008 seien rund 1000 Stellen abgebaut worden - 600 in der Verwaltung und 360 im Vollzugsdienst, also auf der Straße oder in den Revieren.

Der starke Abbau in der Verwaltung habe auch seltsame Blüten getrieben, sagt Günter Rudolph, SPD-Abgeordneter aus Edermünde: „Da ist es vorgekommen, dass ein Kommissar die interne Post ausfahren musste.“

Allein in Nordhessen seien 72 Polizisten von der Straße verschwunden - ihre Stellen sind weg, sagt die Gewerkschaft der Polizei. Zähle man die Verwaltung hinzu, fehlten über 100 Mitarbeiter. Hinzu kommt eine nordhessische Spezialität: Die Beamten sind im Schnitt 48,6 Jahre alt und damit zehn Jahre älter als ihre Kollegen in Südhessen. Die Folge: Sie können nicht uneingeschränkt eingesetzt werden.

Im Bereich des Polizeipräsidiums Nordhessen sind von 1585 Polizisten rund 200 nicht voll einsatzfähig. Überstunden würden oft unnötig produziert, kritisiert die Opposition im Landtag. Zu so genannten „Großen Lagen“ werden Polizisten aus Nordhessen kurzfristig nach Südhessen abgeordnet.

Zum Beispiel als Beschützer des Opernballes in Frankfurt. Ab zum Opernball Diese „Großen Lagen“ produzieren Massen an Überstunden. Sie entstehen oft auf kuriose Weise. Beispiel: Obwohl die Polizeiführung wusste, dass der Atomtransport Castor an einem Samstag gar nicht in Hessen ankam, wurden zwischen Frankfurt und Fulda hunderte von Kräften in Bereitschaft gehalten.

Und Insider erzählen folgende Geschichte: Zum G8-Gipfel in Heiligendamm musste das Kasseler Sondereinsatzkommando (SEK) mit rund 50 Mann anrücken. An einem Abend hatte ein SEK-Mann dort in seiner Freizeit Ärger mit einer Dame in einer Gaststätte. Kollegen mussten schlichten.

Innenminister Bouffier muss darüber so erzürnt gewesen sein, dass er das gesamte Kasseler SEK ablöste und es mit Hubschraubern nach Hause schickte. Dafür wurde das SEK aus Frankfurt zur Ostsee geschickt.

Von Frank Thonicke und Manfred Schaake

Quelle: HNA

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