Linke legt Studie vor: Mindestens 75 frühere Abgeordnete waren in der NSDAP

Im Landtag saßen weit mehr Ex-Nazis als bisher bekannt

NSDAP-Mitgliedsbuch Nummer 1: Es gehörte Nazi-Führer Adolf Hitler. Foto: dpa

Wiesbaden. Im Biographischen Handbuch des Hessischen Landtags wird bei drei ehemaligen Abgeordneten die frühere Mitgliedschaft in der NSDAP erwähnt, tatsächlich waren es jedoch wesentlich mehr. Die Linke stellte gestern eine Studie des Oldenburger Historikers Hans-Peter Klausch vor.

Bei Recherchen im Auftrag der Fraktion stieß Klausch in den NS-Akten des Bundesarchivs Berlin auf insgesamt 75 Abgeordnete, die vor 1945 der NSDAP angehört hatten. 

Karl-Heinz Koch

Linken-Fraktionsgeschäftsführer Hermann Schaus forderte als Konsequenz eine „ehrliche und offene Aufarbeitung der Geschichte des Hessischen Landtages“, dazu solle die Studie „Denkanstöße“ geben. Klausch selbst mahnte, man müsse unterscheiden zwischen Personen, die als indoktrinierte Jugendliche in die Partei eingetreten seien und solchen, die als aktive Nazis schwer belastet seien. Daher sei seine Studie auch als Ausgangspunkt für weitere Forschungen zu verstehen, die sich intensiver mit den einzelnen Biografien befassten.

Alfred Dregger

Insgesamt hat Klausch 333 Abgeordnete aus der Zeit zwischen 1946 und 1987 überprüft, die rein altersmäßig für eine NSDAP-Mitgliedschaft infrage kamen. Unter den Genannten sind Prominente wie der frühere CDU-Landesvorsitzende Alfred Dregger (1920-2002), Ex-Justizminister Karl-Heinz Koch (CDU / 1924 - 2007), Ex-Finanzminister Rudi Arndt (SPD / 1927 - 2004), aus der Region stammen unter anderem der spätere Werra-Meißner-Landrat Eitel O. Höhne (1922 - 1998) und der heute 85-jährige Korbacher Hans-Otto Weber (beide SPD). Auch Willi Croll (SPD / 86), später Bürgermeister von Hofgeismar, stieß als 17-Jähriger zur NSDAP.

Hans-Otto Weber

Insgesamt waren von 140 überprüften SPD-Abgeordneten 15 Mitglieder, in der CDU von 97 Überprüften 22. Den höchsten Anteil ehemaliger NSDAP-Mitglieder hatte die FDP mit 23 von 59 überprüften Abgeordneten, darunter auch SS-Mitglieder wie Rolf Metz (1910 - 1996) aus Gudensberg und Wilhelm Saure (1899 - 1951) aus Willingen. Auch bei den Grünen fand Klausch mit dem 1982 in den Landtag eingezogenen Reinhard Brückner (heute 87) ein ehemaliges NSDAP-Mitglied.

Eitel O. Höhne

Das Biographische Handbuch des Landtags aus dem Jahre 1986 hat der frühere Kasseler CDU-Landtagsabgeordnete Jochen Lengemann verfasst. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Parlamentsgeschichte. Als Grundlage habe er die Angaben der Abgeordneten genutzt, weitere eigene Recherchen seien nicht sein Auftrag gewesen. „Das wurde damals auch gar nicht diskutiert.“

Bei einem späteren ähnlichen Werk für die Kasseler Stadtverordnetenversammlung konnte er intensiver selbst recherchieren und stieß dabei in Berlin auch auf etliche NSDAP-Mitgliedschaften, „die ich selbstverständlich erwähnt habe“.  kommentar

Quelle: HNA

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