Medizinermangel auf dem Land - Traugott Heil sammelte Zahlen aus der Region

Wer lockt junge Ärzte?

Ein Hausarzt untersucht einen Patienten - hier in Hannover. Im nordhessischen Altkreis Ziegenhain sind von 31 Hausärzten ganze zwei jünger als 40 Jahre, aber acht über 60. Foto: dpa

Wiesbaden / Kassel. Der Aufschrei geht seit Monaten durch die Republik: Es fehlen Ärzte! Zwar zeugen großräumige Statistiken noch immer von einer ausreichenden Versorgung, doch bei genauerem Hinschauen wird das Problem überdeutlich: eine teilweise Überversorgung in den Städten verzerrt das Bild, auf dem Land herrscht bereits Ärztemangel. Traugott Heil, Landarzt in Schrecksbach (Schwalm-Eder-Kreis), hat die Lage in Nord- und Mittelhessen gemeinsam mit dem Stadtplaner Matthias Bächle analysiert.

Danach gehen die meisten Landärzte schon der Rente entgegen, während der Nachwuchs bei Weitem nicht ausreicht, die heutigen Praxen am Leben zu erhalten, sagt Heil. Im Bezirk Kassel der Kassenärztlichen Vereinigung lag der Anteil der unter Vierzigjährigen an den 766 ambulant tätigen Hausärzten im Juli 2009 bei gerade einmal fünf Prozent, sagt Heil. Die größte Gruppe stellten die 55 bis 59-Jährigen. 2020, also in zehn Jahren, werde es nach heutigem Stand knapp 100 Hausärzte weniger geben.

Auch der Rückgang der Bevölkerung in weiten Teilen Nordhessens ändere wenig an der Versorgungsproblematik; denn die Zahl der älteren Menschen mit oft mehreren chronischen Krankheiten steige. Sie benötigten besonders intensive Betreuung und seien weniger mobil. Weite Anreisen zum Arzt könnten sie kaum bewältigen.

Allein die Zahl der Patienten sage daher wenig über den Bedarf an medizinischer Versorgung aus; er müsse generell kleinräumiger ermittelt werden, um den unterschiedlichen Situationen in Stadt und Land gerecht zu werden.

Im Altkreis Ziegenhain etwa hat Heil recherchiert, dass von den 31 Hausärzten im März 2010 nur zwei jünger als 40 waren, während bereits acht Hausärzte über 60 Jahre alt und 9 zwischen 50 und 59 Jahre alt waren. „Es ist also dringend erforderlich, die Rahmenbedingungen für junge Ärzte auf dem Lande zu verbessern, sonst wird es in vielen Orten gar keine Allgemeinärzte mehr geben“, fürchtet der Arzt.

Er plädiert dafür, Mediziner schon im Studium auf das Landarztleben vorzubereiten, die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin attraktiver zu gestalten und vor allem dafür zu sorgen, dass auf dem Land familienfreundliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Über 60 Prozent der Studienanfänger in Humanmedizin sind Frauen. Teilzeitarbeit zum Beispiel in Familien-Gesundheitszentren, finanzielle Starthilfen, flächendeckende Notdienstzentralen, eine stärkere Zusammenarbeit zwischen stationärer und ambulanter Versorgung sowie eine gute Infrastruktur in den Kommunen sind Voraussetzungen dafür, junge Leute aufs Land zu locken.

Heute Symposium

Natürlich werde längst über alle diese Vorschläge diskutiert, sagt Landarzt Heil, „aber diskutieren hilft nicht mehr, es muss etwas getan werden.“ Heute beschäftigt sich ein Symposium in Wiesbaden mit der gesundheitlichen Versorgung im ländlichen Raum.

Auch Traugott Heil aus Schrecksbach im Schwalm-Eder-Kreis wird dabei sein.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

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