Richter: Tauben im Schwarm dürfen getötet werden

Kassel. Verwilderte Tauben, die in Schwärmen auftreten, sind Schädlinge und dürfen getötet werden. Mit diesem Urteil hat der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel am Donnerstag die Tötungen von massenhaft auftretenden Stadttauben erleichtert.

Artikel aktualisiert um 6.45 Uhr.

Schädlingsbekämpfer dürfen nun nach einer behördlichen Erlaubnis die Vögel töten. Eine pauschale Tötungserlaubnis für gewerbliche Schädlingsbekämpfer könne es aber nicht geben.

Im konkreten Fall wollte ein Falkner und Schädlingsbekämpfer aus dem Landkreis Limburg-Weilburg die Genehmigung erhalten, wilde Tauben mit einer Lebendfalle zu fangen. Die Tiere wollte der Mann anschließend mit einem Schlag auf den Hinterkopf betäuben und dann enthaupten. In der Taubenbekämpfung sah der Falkner nichts Verwerfliches. Gerade wenn Hunderte Tauben auf einmal aufträten, stellten sie eine Gefahr für die menschliche Gesundheit dar. Die Vögel würden zudem massiv Gebäude verunreinigen und schädigen. Die Tötung der Tauben sei daher gerechtfertigt.

Die Verwaltungsrichter entschieden, dass bei der Prüfung, ob Tauben getötet werden können, „keine überzogenen Anforderungen gestellt werden dürfen“. Im Einzelfall sei auch die Tötung gerechtfertigt. Die Kreisbehörde wurde angewiesen, über den Antrag des Falkners zur Tötung der Tauben neu zu entscheiden. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung hat der VGH die Revision zum Bundesverwaltungsgericht zugelassen.

Keine genauen Angaben

Ab wann man gerichtsfest von einer Plage sprechen kann, darüber waren sich die obersten Verwaltungsrichter Hessens offenbar nicht ganz einig. Zwar nannten sie verwilderte Stadttauben „Schädlinge“, die es zu bekämpfen gelte. Aber nur wenn sie in Schwärmen auftreten. Doch wie groß ist ein nicht zu tolerierender Schwarm? Die Antwort blieb der Hessische Verwaltungsgerichtshof schuldig. Das muss von Fall zu Fall entschieden werden.

Selbst Tierschützer halten die Beseitigung von Tauben für eine Option. Denn auch ihrer Meinung nach gibt es zu viele Tauben in Städten - deshalb könnten sie auch bekämpft werden. „Straßentauben sind keine Wildvögel, sondern verwilderte Haustauben“, sagte Klaus Richarz, Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt. Es sei nichts dagegen einzuwenden, wenn die Zahl der Vögel nach tierschutzrechtlichen Maßstäben reduziert würde.

Der klagende Falkner, Berthold Geis aus dem südhessischen Villmar, der erreichen wollte, dass er Tauben fangen, töten und an die Tiere seiner Greifvogelstation verfüttern dürfe, kann mit dem lebhaften Interesse zahlreicher Bürgermeister rechnen. Doch jetzt soll zunächst das Veterinäramt im Kreis Limburg-Weilburg Kriterien bestimmen, ab wann von einer Taubenplage gesprochen werden könne. Geis: „Ich bin mit der Stadt Frankfurt am Main in Gesprächen, um deren Taubenplage in Angriff zu nehmen.“

Gleichwohl zeigte sich Berthold Geis in Kassel nicht als Tauben-Hasser, sondern als Falkner mit einer Geschäftsidee. Er habe nichts gegen eine einzelne Taube. „Ich bin mit den Brieftauben meines Vater aufgewachsen und kenne mich gut mit den Tieren aus. Wir reden auch nicht über zwei Täubchen auf dem Balkon, sondern wenn Hunderte Tauben ein Firmengelände belagern.“ (dpa)

Aus unserer Nachrichten-Redaktion haben sich Ullrich Riedler und Peter Klebe zu diesem Thema in einem Pro und Kontra geäußert.

Pro von Ullrich Riedler: Bakterienschleudern

Picassos symbolische Friedenstaube verdeckt eine hässliche Wahrheit: Tauben sind eine nicht ungefährliche Plage. Und wie alle unangenehmen Dinge im Leben, gegen die nichts getan wird, neigen sie dazu, immer größer zu werden, das heißt: Sie vermehren sich rapide. Wer an einem Platz lebt, weiß, was ich meine. Verkotete Hinterhöfe, Balkone, verätzte Bausubstanz und Autobleche. Das ganze Ausmaß von Schrecken und Verzweiflung lässt sich im Internet auf unzähligen Hilferuf- und Ratgeberseiten verfolgen (Taubenabwehr, Wie kann man die Taubenplage eindämmen usw.).

Der Hinweis mancher Gutmenschen in den Stadtverwaltungen, diese Vögel während der Brutzeit auf den Dachstuhl ins eigene Haus zu lassen, um ihnen die Eier wegzunehmen, kann der genervte Bürger nur als Zumutung Unbetroffener empfinden. Denn nicht umsonst bezeichnet der Volksmund die Tauben als Ratten der Lüfte. Stadttauben übertragen Parasiten und Krankheitserreger,vor denen wir uns sonst tunlichst schützen: Zecken, Flöhe und Milben. In ihrem Kot finden sich zudem Salmonellen, die Erreger der Papageienkrankheit sowie Hefen und Pilze. Durch Kontakt oder Einatmen kontaminierter Staubpartikel können diese Mikroorganismen und Viren in den Körper gelangen. Eine Horrorvorstellung, nicht nur für Familien, deren Kinder oft damit in Berührung kommen, und immungeschwächte Menschen. Tauben sind fliegende Bakterienschleudern mit toxischem Infektionspotenzial, deren stetiger Vermehrung man nicht tatenlos zusehen darf.

Kontra von Peter Klebe: Kreislauf der Natur

Um den Tierschutz in Deutschland ist es erbärmlich bestellt. Es gibt Gerichtsurteile, nach denen Hähne in den Mittagsstunden nicht draußen sein dürfen, weil sich Anwohner durch ihr Krähen belästigt fühlen. Die selben Menschen nehmen oftmals den Lärm des Straßenverkehrs als naturgegeben hin. Es hat lange Jahre gedauert, bis Tiere gerichtlich als Mitgeschöpfe anerkannt wurden. Und nun die Tauben. Allein die Tatsache, dass ein Gericht allen Ernstes darüber entscheiden muss, ob sie als Ungeziefer gelten und getötet und verfüttert werden dürfen, spricht Bände. Natürlich sind sie kein Ungeziefer, gezieltes Töten in einzelnen Städten würde außerdem die angebliche Plage nicht verhindern.

Tauben kommen auch deshalb in großer Zahl auf Plätze und in Parks der Großstädte, weil sie dort von Menschen (über)füttert werden. Das ist falsch verstandener Tierschutz. Wildvögel können und sollten sich außer in harten Wintern selbst ernähren. In vielen Städten gibt es bereits Aktionen gegen eine übermäßige Taubenpopulation. Beispiele sind Taubenschläge, die regelmäßig gereinigt werden und in denen Gelege gegen Gipseier getauscht werden, sowie tierärztlich kontrollierte Bestände. Wenn man ansonsten die Natur, so weit das heute überhaupt noch möglich ist, in ihrem normalen Kreislauf lässt, werden Gerichtsverfahren wie das vor dem Verwaltungsgerichtshof überflüssig. Menschen sind nicht Herrscher über die Natur, sondern Teil von ihr.

Quelle: HNA

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