Ex-Polizeipräsident Udo Scheu ist im Ruhestand unter die Krimiautoren gegangen

„Mehr Realität zeigen“

Von der Polizeispitze zum Buchautor: Udo Scheu feilt schon an seiner nächsten Geschichte. Foto: nh

FRANKFURT. Man trifft ihn im „Libretto“ zum Milchkaffee, nicht weit von den Justizgebäuden an der Konrad-Adenauer-Straße entfernt. Udo Scheu, 64, leicht schütteres Haar, wache Augen: „Da sind Sie ja!“ Es könnte eine Szene aus einem seiner Bücher sein, etliche Frankfurter Lokale sind dort zu Schauplätzen geworden. Der Autor und Doktor der Rechtswissenschaften ist zwar gebürtiger Berliner, doch er kennt Frankfurt gut. Jahrzehntelang war er hier als Staatsanwalt aktiv und dann Leiter der Behörde.

Ein Insider also, dem nichts fremd ist, was Verbrechen betrifft. Obwohl sein Verlag das Etikett „Frankfurt-Krimi“ verwendet, versteht er sich nicht als regionaler Schriftsteller: „Irgendwo muss ein Buch ja spielen.“

Staatsanwalt und Polizist

Scheu, der eigentlich mal Musiker werden wollte und auch in einer Band spielte, kennt nicht nur die Staatsanwaltschaft. 1994 wechselte er ins Innenministerium als Abteilungsleiter Polizei, aus dem nach der Polizeireform 2001 der Landespolizeipräsident wurde. Doch das Verhältnis zum seit 1999 amtierenden Innenminister Volker Bouffier (CDU) war nicht das beste, 2003 wurde der Beamte mit 58 in den Ruhestand versetzt.

Nach zwei weiteren Jahren als Berater des damaligen Düsseldorfer Innenministers Fritz Behrens (SPD) wechselte er endgültig das Metier. Der Kriminalist und Krimifan wurde Autor. Und fühlte sich, so der heute 64-Jährige, geradezu verpflichtet, „mehr Realität zu zeigen und trotzdem spannende Geschichten zu erzählen“. Denn die Darstellung der Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft sei meist falsch. Dass der Staatsanwalt oft „der Nadelstreifen-Typ und immer der Blödeste ist“, ärgert ihn sowieso. Positive Reaktionen aus der kriminalistischen Fachwelt auf die bisherigen Scheu-Krimis „Das blaue Licht“ und „Das jüngste Gericht“ blieben daher nicht aus.

Scheu verarbeitet eigene Erlebnisse, verfremdet sie aber, kein Fall hat sich so abgespielt. Dabei scheut er heikle Themen wie sexuellen Missbrauch von Kindern nicht. Voyeurismus ist ihm dabei fremd, „man kann das schreiben, ohne es zu beschreiben“.

Insider lachen

Wenn der ein oder andere Frankfurter Insider während einer Lesung lacht, weil er einen der ermittelnden Akteure zu erkennen glaubt, ist das durchaus Absicht. Dabei gehe es nicht um die konkrete Person, sondern um Äußerlichkeiten oder Marotten, die er seinen Charakteren zuschreibt.

Nicht immer zufrieden mit der eigenen Schreibe, hat Scheu sich weitergebildet. Aus Stephen Kings „Das Leben und das Schreiben“ etwa hat er mitgenommen, „dass man erst die Charaktere entwickeln und sie dann handeln lassen muss“. Seine Dialoge wirken zuweilen noch etwas aufgesetzt, besonders dann, wenn sie dem Leser zugleich Hintergründe erläutern sollen. Doch Scheu feilt an sich und der nächsten Story. Vielleicht wird es ein Politkrimi. In Wiesbaden kennt der Mann sich schließlich auch aus.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

Kommentare