Frankfurts Uni-Präsident: Etatkürzungen schaden Hessen im Wettbewerb

„Müssen Niveau halten“

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Gegen Kürzungspläne: Studentinnen während der Demo gegen den umstrittenen hessischen Hochschulpakt zwischen Land und Hochschulen am Dienstag in Wiesbaden. Die Verabschiedung des Paktes wurde auf kommende Woche vertagt.

Seit über zwei Jahren ist die Frankfurter Goethe-Universität Stiftungsuniversität. Sie ist dadurch autonomer, hängt aber nach wie vor am Tropf des Landes. Wir sprachen darüber mit ihrem Präsidenten Prof. Werner Müller-Esterl.

Herr Müller-Esterl, auch Sie haben die vom Land geplante Kürzung von 30 Millionen Euro im Hochschuletat kritisiert. Hat die letzte Verhandlungsrunde etwas geändert?

Zur Person

Der Biochemiker und Mediziner Prof. Werner Müller-Esterl (61) war drei Jahre Vize, bevor er 2009 Präsident der Goethe-Universität wurde. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Müller-Esterl: Der Hochschulpakt sieht in der Tat vor, dass in guten Zeiten mehr, in schlechten Zeiten weniger Geld fließt. Nun sind die Zeiten schlecht und wir müssen uns an diese Spielregeln halten, auch wenn es schmerzt. Aber es gibt zusätzliche Umverteilungen, die der Goethe-Universität weitere Mittel entziehen, die insbesondere Richtung Nordhessen fließen. Unser Grundbudget würde um fast vier Prozent sinken. Das können wir so nicht hinnehmen.

Welche Ausgaben sind davon betroffen?

Müller-Esterl: Unser Brot-und-Butter-Etat, mit dem wir das Personal bezahlen, vom Hausmeister über Hilfskräfte, wissenschaftliche Mitarbeiter bis zu den Professoren. Eine solche Kürzung erfordert Personalabbau in Forschung und Lehre. Außerdem müssen wir eine bestimmte Grundausstattung beisteuern, wenn wir einwerben. 2009 haben wir die Drittmittel um sagenhafte 14 Prozent auf 137 Millionen Euro steigern können. Das würde künftig erschwert.

Vier Prozent sind in Frankfurt 12,8 Millionen - im Vergleich zu 320 Millionen nicht so viel.

Müller-Esterl: In den letzten Jahren wurde immer wieder betont, wie hoch der Stellenwert von Bildung und Forschung in diesem Land ist. Das hat die Erwartungshaltung geprägt, wenigstens mit einer schwarzen Null herauskommen. Wir wissen ja auch, dass der Finanzminister nicht zaubern kann. Um mit Hochschulen in anderen Bundesländern konkurriere zu können, muss jedoch das Niveau gehalten werden. Deshalb fordern wir eine langfristig angelegte, verlässliche Hochschulpolitik.

Was ist denn mit den Rücklagen der Hochschulen, auf die Ministerin Eva Kühne-Hörmann verweist?

Müller-Esterl: Wir haben bestenfalls 20 Millionen reale Rückstellungen, von denen allein zehn Millionen für ein neues Seminargebäude vorgesehen sind. Das brauchen wir, weil wir nach der Umstellung vieler Studiengänge auf Bachelor und Master viele kleinere Seminarräume benötigen.

Es wird demnächst durch die Schulzeitverkürzung einige doppelte Abiturjahrgänge geben. Und damit auch zusätzliche Studierende. Sorgt Sie das?

Müller-Esterl: Zunächst einmal: Jeder G8-Abiturient ist bei uns willkommen. Aber diese zusätzlichen Studienplätze müssen auch gegenfinanziert werden. Es gibt zwar noch mal Mittel vom Bund für zusätzliche Studienplätze. Aber die reichen bei weitem nicht aus, diese auch komplett zu finanzieren.

Wird sich die Abschaffung der Studiengebühren aus Ihrer Sicht rächen?

Müller-Esterl: Das Thema politisch tot, deswegen werden wir nicht daran rühren.Es wird dann zum Problem, wenn andere Bundesländer ihre Studiengebühren erhöhen. Dann kommen wir finanziell nicht mehr mit, denn die Ersatzmittel des Landes sind anders kalkuliert.

Sie sind nun schon seit mehr als zwei Jahren eine Stiftungsuniversität, die vieles in eigner Zuständigkeit regeln kann. Sie hängen aber finanziell am Tropf des Landes. Passt das zusammen?

Müller-Esterl: Die Stiftungsuniversität ist ein Wechsel auf die Zukunft. Wir haben derzeit ein Stiftungskapital von 120 Millionen Euro, von denen die Hälfte zugesagte Mittel sind. Um einen signifikanten Teil der Universität zu finanzieren, müsste man fünf bis sechs Milliarden Euro einwerben. Davon sind wir noch weit entfernt. Für die Autonomie der Hochschulen sind das jetzt natürlich schwierige Zeiten. Für gute Forscher etwa müssen sie sehr gut zahlen, also etwas drauflegen. Das dürfen wir, können es aber bei einer Kürzung des Grundbudgets schwer verwirklichen. Das schwächt uns im Wettbewerb.

Apropos Wettbewerb - manchmal hat man den Eindruck, der Wettbewerb der Hochschulen erstreckt sich hauptsächlich auf Spitzenforschung. Bleibt da der normale Student, bleibt die Lehre auf der Strecke?

Müller-Esterl: Unser Anspruch im Wettbewerb ist gute Lehre und gute Forschung zu machen. Das ist kein Widerspruch.Wir haben alle zu lange darauf verzichtet, unser Stärken nach außen zu tragen und an den Schwächen zu arbeiten. Dieser Prozess hat nun begonnen, er ist unumkehrbar. Und davon profitiert jeder Studierende, weil jeder an einer guten Hochschule studieren will.

Wie verhindern Sie, dass Stiftungen Einfluss nehmen auf Forschung und Lehre?

Müller-Esterl: Wir haben einen Stiferkodex erlassen, in dem festgelegt ist, dass die Freiheit von Forschung und Lehre nicht beinflusst werden darf, das weiß jeder Stifter von vornherein. Ein Problem für viele Studierende und Lehrende ist der Bologna-Prozess, also die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Masterabschlüsse. Viele Studierende fühlen sich von dem sehr verschulten kürzeren Bachelorstudium überfordert beziehungsweise eingeengt.

Bleibt die Bildung zu Gunsten von reinem Fachwissen auf der Strecke?

Müller-Esterl: Eine so große Reform gelingt nie im ersten Anlauf. Wir haben schon versucht, die Anwesenheitspflichten und die Prüfungsdichte zu reduzieren. Wir haben Bologna-Werkstätten eingerichtet, um Veränderungen vorzubereiten. Unsere Historiker bieten zum Beispiel ein vier- statt ein dreijähriges Bachelor-Studium an. Das geht. Die Universitäten müssen ihre Spielräume besser als bisher nutzen. Außerdem klagen nicht alle: eine ganz aktuelle Umfrage unter unseren Studierenden der Wirtschaftswissenschaften hat ergeben, dass 75 Prozent mit dem Bachelor-Studium überwiegend zufrieden sind.

Ist der Arbeitsmarkt auf diese Absolventen vorbereitet?

Müller-Esterl: Das ist unterschiedlich. In der Chemie wird zum Beispiel traditionell ein sehr hohes Niveau verlangt, Bachelor könnten möglicherweise als wissenschaftliche Laboranten arbeiten.

Und was wird aus den Laboranten mit nichtuniversitärer Ausbildung?

Müller-Esterl: Wenn politisch gewünscht wird, dass 50 Prozent eines Jahrgangs eine Hochschulausbildung haben, dann gibt es zwangsläufig einen Verdrängungswettbewerb. Es entstehen aber auch neue Berufsbilder, die von einer guten fundierten Bachelor-Ausbildung profitieren. In anderen Ländern ist das Berufsleben viel stärker akademisiert. Natürlich löst dieser Prozess bei jungen Leuten Untersicherheit aus. Ob die Bildung auf der Strecke bleibt, hängt sicher auch von jedem Einzelnen ab. Es hat schon immer sehr verschulte Studiengänge gegeben. Bachelor kann im Übrigen auch dazu führen, dass weniger Studierende ihr Studium abbrechen. Die Goethe-Universität wird jedenfalls alles daran setzen, dass sich die Studienbedingungen künftig noch weiter spürbar verbessern.

Quelle: HNA

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