Nachlass eines pädophilen Kunstlehrers wirft neues Licht auf Missbrauchsskandal an Vorzeigeschule

Nacktfotos Fall für Staatsanwalt

Enja Riegel

Wiesbaden. Der Mann ist seit 2008 tot, hat aber seitdem schon mehrfach für Schlagzeilen gesorgt. Denn Hajo Weber, einst Fotograf und Kunstlehrer an der reformpädagogischen Wiesbadener Vorzeige-Einrichtung Helene-Lange-Schule, hat Ende der Achtzigerjahre mehrere Schüler sexuell missbraucht. Öffentlich bekannt wurde das erst im Frühjahr.

Nun sind im Wiesbadener Stadtarchiv zwei Kisten aufgetaucht mit Negativen kinderpornografischer Darstellungen, die das Archiv in Nöte bringen. Denn offenkundig, so auch Wiesbadens Kulturdezernentin Rita Thies (Grüne), hatten die Mitarbeiter sich mit dem ihnen vor einem Jahr übergebenen Nachlass des Kunsterziehers nur sehr oberflächlich befasst. Manche angeblich „private“ Fotos sollen allerdings schon vernichtet worden sein.

Ins Stadtarchiv war der Nachlass gelangt, weil Kollegen Webers darunter historisch wertvolle Bilder unter anderem von Demonstrationen vermuteten. Eine Journalistin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat die Nacktbilder jetzt entdeckt.

Sie belegen, dass der Lehrer seine offensichtlich unbedarften Schüler und möglicherweise auch andere Kinder über Jahre unbekleidet fotografiert hat - in Duschräumen oder auch in seinem Atelier. Die Bilder wurden jetzt sofort der Polizei übergeben. Die Kulturdezernentin betonte, sie wolle die Abgebildeten schützen. Allerdings ist es auch verboten, kinderpornografisches Material vorrätig zu halten oder zugänglich zu machen.

Der Magistrat der Stadt Wiesbaden will nun zunächst die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen abwarten, so eine Sprecherin.

Die pädophilen Neigungen Webers, der allenthalben als sehr beliebter Lehrer beschrieben wird, waren in der Schule schon 1989 bekannt geworden. Die Schule, an deren Spitze die inzwischen 70-jährige Pädagogin Enja Riegel stand, hatte das Problem in Absprache mit den Eltern der missbrauchten Jungen, wie es heute heißt, intern gelöst. Weber war mit Wissen der Behörden an das Institut für Lehrerbildung versetzt worden. Gleichwohl hielt die für ihre reformpädagogischen Konzepte angesehene Riegel mit Weber weiter Kontakt, beide schrieben zusammen mit dem inzwischen ebenfalls verstorbenen Gerold Becker ein Buch. Becker hat, wie inzwischen bekannt, an der Odenwald-Schule in Heppenheim jahrelang Kinder missbraucht.

Im Frühjahr hatte Riegel den Fall Weber öffentlich gemacht. Seitdem ist auch sie in der Kritik. Riegel verweist darauf, man habe damals keine Erfahrung im Umgang mit Pädophilen gehabt. Heute würde sie manches anders machen.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

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