In Frankfurt hat Hessens einziges Pflegeheim für Menschen eröffnet, die nicht mehr selbst Luft holen können

Ein neues Zuhause bei Atemnot

Der Schlauch unterhalb ihres Kehlkopfes presst Luft in die Lunge: Die 51-jährige Alexandra T. gehört zu den ersten vier Patienten von Hessens erstem Heim für dauerbeatmete Menschen. Foto: Georg

Frankfurt. Das Zimmer mit den blauen Vorhängen wirkt hell und freundlich. Alexandra T. sitzt an ihrem Tisch und faltet gerade Origami-Figuren. Nur ein beständiges Surren verrät, dass sie auf die Hilfe von Maschinen angewiesen ist: Über einen Schlauch wird ihr unterhalb des Kehlkopfs Luft in die Lungen gepresst. Die 51-Jährige lebt in Hessens erstem Heim für dauerhaft beatmete Patienten, das vor wenigen Tagen in Frankfurt- Sachsenhausen eröffnet wurde. Der elektrische Wind bläst nur unterhalb der Stimmbänder, daher kann sie nicht mehr sprechen.

Die ehemalige Arzthelferin sitzt wegen einer fortschreitenden Muskeldystrophie (Muskelschwund) im Rollstuhl, kann nicht mehr schlucken und sich deshalb auch nicht mehr über gutes Essen freuen. Ein durch die Bauchdecke in den Magen führender Schlauch versorgt sie mit Nahrung. Alexandra schreibt ihre Antworten auf eine kleine Tafel. „Ich habe seit meinem 18. Lebensjahr Muskelschwund. Irgendwann ging es nicht mehr“, notiert sie.

Bis zu 30 Plätze vorhanden

Die neue Einrichtung ist auf Menschen wie Alexandra zugeschnitten – Patienten, die schwere Hirnschäden erlitten haben, querschnittsgelähmt sind, Muskelschwund haben oder mit der Diagnose Multiple Sklerose leben. „Bisher haben wir vier Patienten“, berichtet Anette Liller, Geschäftsführerin von „Füreinanderdasein“.

Die GmbH ist eine Tochter des Heimträgers, des Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverbands (DGD) in Marburg. Der Verband betreibt auch das benachbarte Krankenhaus Sachsenhausen. In Zukunft sollen hier bis zu 30 Pflegekräfte ebenso viele Menschen betreuen. „Dieses Heim entspricht dem diakonischen Grundverständnis seines Trägers“, erklärt Liller.

Es sei wichtig, Menschlichkeit gerade in einer Stadt wie Frankfurt hochzuhalten, wo sonst nur der Ertrag zähle. Noch sei die Einrichtung allerdings kaum kostendeckend zu betreiben. Sie steht in dem langen Gang im Erdgeschoss des sechs Millionen Euro teuren Komplexes. „Hoffnung?“, fragt Liller. Natürlich gebe es Hoffnung bei manchen Patienten. Vor allem bei akuten Erkrankungen mit einer Heilungschance.

„Da ist es immer wieder möglich, die Menschen von der Beatmungsmaschine wegzutrainieren.“ Bei Alexandra T. und den anderen dreien macht sie sich nicht so viel Hoffnung. „Hier geht es eher darum, den Status Quo zu halten.“

Mensch und Maschine werden in dem Pflegeheim Partner fürs Leben. Pflegedienstleiterin Marion Tarassoli erinnert sich an eine Frau mit Kinderlähmung, die sie an ihrem früheren Arbeitsplatz betreut hat. „Das war in den 60er-Jahren. Die Frau lag in der Eisernen Lunge, wurde also beatmet. Als ich 20 Jahre später von dem Krankenhaus weggegangen bin, lag sie immer noch dort.“

Von Michael Eschenauer

Quelle: HNA

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