Krebsforscher Kraft: Niemand will die Anlage in Marburg abbauen – Verfahren sehr teuer und aufwändig

Noch Hoffnung für Partikeltherapie?

Sieht Zukunft für seine Partikeltherapie in Marburg: Gerhard Kraft. Foto: Cordes

Marburg. Der Vater der Partikeltherapie in Europa, Gerhard Kraft, sieht noch gute Chancen für das bislang gescheiterte Therapiezentrum in Marburg. Die Partikeltherapieanlage laufe zur Zeit rund um die Uhr im Testbetrieb.

Zudem gebe es Gespräche zwischen dem privaten Krankenhausbetreiber Rhön, dem Hersteller Siemens und den Betreibern der zweiten deutschen Partikeltherapieanlage in Heidelberg: „Sie sind dabei, sich zusammenzuraufen“, sagte der 71-jährige Forscher, der das Verfahren am GSI-Heimholtzzentrum für Schwer- ionenforschung in Darmstadt entwickelt hat: „Keiner von ihnen wird zugucken, wie so ein Ding baden geht.“

Bereits abgebaut wurde die ebenfalls von Siemens errichtete Partikeltherapieanlage in Kiel. Kraft ist jedoch davon überzeugt, dass dies in Marburg nicht passieren wird: „Alle sind sich einig, dass sie die Maschine nicht abbauen wollen“, sagte er.

Die für etwa 100 Millionen Euro errichtete Anlage war kürzlich erneut in die Schlagzeilen geraten, weil der Direktor des Instituts für Strahlenbiologie und molekulare Radioonkologie im Partikeltherapiezentrum, Jochen Dahm-Daphi, seine Professur aufgegeben hat. Obgleich das Zentrum bereits 2011 eröffnet werden sollte, konnte er bis heute nicht dort forschen. Rhön hatte die Anlage an Hersteller Siemens zurückverkauft, weil sie langsamer als geplant lief, also wesentlich weniger Krebskranke behandelt werden können als ursprünglich vorgesehen. Aus seiner Erfahrung heraus warnt Dahm-Daphi vor Privatisierungen wie in Marburg.

Dagegen betont Krebsforscher Kraft, dass der Hersteller die Anlage zurzeit so verbessere, dass mehr Patienten behandelt werden können. Allerdings könne sie nicht schon im ersten Jahr lohnend betrieben werden. Nach dem Stufenplan von Rhön sollte sie in die Nähe von 1500 Patienten pro Jahr kommen: „Das halte ich immer noch für machbar im Laufe der Zeit“, so der Experte.

Bislang gibt es weltweit nur zwei Partikeltherapiezentren – in Japan und eines in Heidelberg. Kraft ist jedoch davon überzeugt, dass es noch einen regelrechten Run auf das sehr präzise Verfahren geben wird, das kaum Schäden in der Umgebung des Tumors hinterlässt. Eingesetzt wird es bislang vor allem bei Tumoren im Kopf, an der Wirbelsäule und an der Prostata. So laufen Männer, die an der Prostata im herkömmlichen Verfahren operiert werden, Gefahr, inkontinent oder impotent zu werden. Bei der Bestrahlung im Partikeltherapiezentrum passiert das nicht.

Allerdings ist das Verfahren teuer, bei dem Protonen und Kohlenstoff-Ionen in einer Beschleunigeranlage auf mehr als 70 Prozent der Lichtgeschwindigkeit gebracht und zielgenau auf den Tumor gelenkt wird. Allein der Stromverbrauch entspricht dem von 900 mittleren Haushalten.

Quelle: HNA

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