Brief an die Kanzlerin, Drohung mit Klage: Flutopfer an der Elbe wollen Geld für Komplettumzug

Nur noch weg aus nassen Häusern

Nünchritz. 2002 erstmals komplett abgesoffen, diesen Sommer schon wieder im Wasser – 38 Familien aus Nünchritz bei Riesa wollen nur noch weg. Weg von der Elbe, weg aus ihrem größtenteils Ende der 1990er-Jahre besiedelten Neubaugebiet.

Mit Briefen an Kanzlerin Angela Merkel und andere Politiker sowie per Internet-Petition macht die Bürgerinitiative Druck. Ihr Ziel: Geld zur Umsiedlung aus dem Acht-Milliarden-Fluthilfefonds von Bund und Ländern. Notfalls auch mit Hilfe der Gerichte. Auch ihrem Bürgermeister Gerd Barthold drohen die entnervten Nünchritzer mit Klage: Die Kommune – langgezogen auf elf Flusskilometer – habe nach der Wende Wiesen am Ufer zur Bebauung freigegeben, die zu DDR-Zeiten wegen Hochwassergefahr tabu waren. Dass das Gelände, wie vorgesehen, wirklich flutsicher aufgeschüttet wurde, sei zweifelhaft. Grundstücke lägen bis zweieinhalb Meter zu tief und hätten 70 Zentimeter im Wasser gestanden.

Bauplatz höher legen

Der Rathauschef will mit Verweis auf die drohende Klage am liebsten gar nichts sagen. So viel dann doch: Der Bebaungsplan habe sehr wohl auf Hochwasserrisiken verwiesen. Das Gelände sei auch angehoben worden - mit der Möglichkeit für jeden Bauherrn, seinen Bauplatz selbst noch höher zu legen.

Abschied vom Fluss mit Sack und Pack: Daran denken in ihren nassen Häusern Elbanlieger auch anderswo. Flutexperten halten das für kurzfristig teuer, aber langfristig richtig. Wolfgang Zeller, damals sächsischer Staatssekretär, lobte 2003 den ersten Komplettumzug an der Elbe als Wende.

„Erstmals passen wir den Menschen an den Fluss an und nicht umgekehrt“, sagte Zeller, als damals die Neubausiedlung Röderau-Süd mit 80 Häusern, Bäckerei und Kia-Autohaus abgerissen und zur Auenwiese zurückplaniert wurde. 40 Mio. Euro sollen Land und Bund ausgegeben haben. Und eine Warnung: Wer bleibe, werde bei der nächsten Flut keine Staatshilfe erhalten.

Die Nünchritzer haben Röderau-Süd, ein Stückchen flussabwärts, vor Augen. Und pokern ebenfalls um maximale Kostenübernahme. Bisher bietet Dresden zinslose Darlehen und 80 Prozent der Schadenssumme als Hilfe zum Wiederaufbau – auch an anderer, hochwassersicherer Stelle. „Hört sich viel an - für ein neues Haus auf neuem Grundstück reicht das aber nie“, sagt Sebastian Lohse. Der Anwalt aus Riesa will die Kommune, den Landkreis Meißen und den Freistaat wegen Amtspflichtverletzung auf Schadensersatz verklagen. Es kann ein Musterprozess werden.

Sachsens SPD-Opposition fordert faire Umzugshilfe statt Wiederaufbau mit späterer Überschwemmungsgarantie.

Fass ohne Boden

Die CDU/FDP-Regierung aber will derzeit kein Fass ohne Boden aufmachen. Sie weiß natürlich, dass auch andere Flutopfer, die ebenfalls nicht ins dritte Hochwasser wollen, sich längst bei Anwalt Lohse gemeldet haben.

  kommentar

Von Wolfgang Riek

Quelle: HNA

Kommentare