Wie sich die Region entwickeln wird: Nach der Planungs- kommt nun die Bauphase

Frischer Wind für Nordhessen

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„Bald Bürgerwindparks“: Laut Regionalplan wird es in den nächsten Jahren 200 neue solcher Windkraftanlagen wie hier zwischen Martinhagen und Istha geben.

Kassel. Es ist der 23. Mai 2017. Ich bin mit dem Auto in Nordhessen unterwegs, fahre von Kassel nach Bad Hersfeld. Ich habe einen Umweg gewählt, will mich an der Landschaft erfreuen.

Ich fahre über Hessisch Lichtenau und Sontra, durch den Werra-Meißner-Kreis. Die neue Autobahn A 44, die nun nach jahrelangem Streit fast fertig ist, lasse ich links liegen - ich habe Zeit.

Die Sonne scheint, und die Landschaft ist schön. Eigentlich stören nur die vielen Windräder, die einem die Aussicht verderben. In Sontra-Heyerode ist nach langen Auseinandersetzungen - wie woanders auch - ein Windpark entstanden. Die nordhessische Region hat seit Langem auf alternative Energien gesetzt. Man könnte meinen, es gäbe mehr Windräder als Menschen. Besonders im Werra-Meißner-Kreis. Vor allem die Jungen sind weg. Arbeitsplätze gibt es woanders. Manche Dörfer gleichen nun Geistergemeinden. Ärzte sind weg, Kindergärten mussten schließen. Kneipen, Metzger- und Bäckerläden stehen leer. Die Einwohner schimpfen über hohe kommunale Gebühren. Das Kanalnetz, das für viele gebaut wurde, zerfällt und muss saniert werden.

Nordhessen im Jahr 2017 - eine Horrorvision? Nur noch eine schöne, aber leere Landschaft? Keineswegs, sagt Regierungspräsident Walter Lübcke (CDU): „Es wird von der nordhessischen Landkarte kein einziges Dorf verschwinden.“ Wie sich Nordhessen in den nächsten acht Jahren entwickeln wird, darüber gibt der neue Regionalplan Auskunft. Er wurde gerade von der Landesregierung genehmigt.

Er räumt der Windkraft viel Platz ein. 200 neue große Windräder wird es geben. Sie seien auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, sagt Lübcke: Ein einziges Windrad bringe pro Jahr 15 000 Euro Gewerbesteuer und 15 000 Euro Pacht für den Grundstückseigentümer. Und es werden „Bürgerwindparks“ entstehen, in denen die Anwohner die Eigentümer der Windräder seien. Rendite: Mindestens acht Prozent. Lübcke: „Unser Ziel bis 2020 lautet 20 Prozent regenerative Energie in der Region. Das werden wir erreichen.“

Nach Jahren der Planung wird nun jeder in Nordhessen sehen, was sonst nur auf dem Papier zu besichtigen war. Der Flughafen Kasel-Calden entsteht, die Autobahn 44 wird weitgehend fertig sein, der Weiterbau der A 49 soll zumindest begonnen haben. Gewerbegebiete an den Autobahnen schaffen Arbeitsplätze. Lübcke: „Das ist unser oberstes Ziel für die nächsten Jahre: Den Wohlstand erhalten oder sogar mehren.“ Und auch in Beberbeck wird gebaut, glaubt der Regierungspräsident. Vielleicht nicht so groß wie vorgesehen, aber immerhin...

Natürlich wird die Zahl der Einwohner sinken - um 6,9 Prozent bis 2020. Doch das sei keineswegs dramatisch. Im Jahr 2030 würden dann in Nordhessen genauso viele Menschen leben wie bei der letzten Volkszählung 1987. Da waren es 1,161 Millionen. Natürlich würden viele Dörfer leerer. Doch das fordere neue Ideen heraus, meint Lübcke.

Warum sollen nicht überall Senioren-Wohngemeinschaften entstehen? Als Beispiel nennt Lübcke den Diemelsee. Hier haben sich schon viele Holländer ihren Ruhesitz gekauft. Die Zeichen stehen auf Zusammenarbeit: Die Gemeinden werden noch mehr kooperieren als zuvor. Lübcke: „Wir werden unsere schöne Landschaft bewahren. Und sie mit Leben füllen.“

Von Frank Thonicke

Quelle: HNA

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