Marburger Forscher Udo Kuckartz stellt den Deutschen schlechtes Zeugnis aus

Selbstzufriedene Klimamuffel

Kritisiert die deutsche Selbstzufriedenheit: Udo Kuckartz. Foto: Wegst

MARBURG. Die Deutschen sind lange nicht so klimabewusst, wie sie selbst gern glauben. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von 26 000 Menschen in 27 europäischen Ländern, die von einer Arbeitsgruppe um den Marburger Erziehungswissenschaftler Udo Kuckartz ausgewertet wurde. Spitze sind die Deutschen danach vor allem bei der Selbstzufriedenheit.

Außer in Irland sind in keinem anderen EU-Land so viele Menschen der Meinung, dass die Bürger doch schon genug tun, um den Klimawandel zu bekämpfen. Dies denken 41 Prozent der Deutschen gegenüber 17 Prozent der Franzosen und der Niederländer sowie 21 Prozent der Schweden und Dänen. „Das ist viel zu viel Selbstzufriedenheit“, so Kuckartz.

Besonders wenig Klimabewusstsein gibt es in den meisten osteuropäischen Ländern sowie in Südeuropa, vor allem in der Türkei, Portugal, Spanien, Italien und Polen. Eine Ausnahme bildet das möglicherweise durch die großen Waldbrände aufgeschreckte Griechenland.

Gar nicht besonders gut stehen die Deutschen da, wenn es um das eigene Handeln geht. „Es gibt eine auffällig große Kluft zwischen Einstellung und Verhalten“, sagt Kuckartz. Mehr als 40 Prozent der Deutschen unternehmen selbst gar nichts gegen den Klimawandel. Die anderen nennen vor allem die Mülltrennung, die nur eine bescheidene Auswirkung auf die Klimagase hat. Ansonsten gebe es oft vage Angaben wie weniger Wasser verbrauchen oder symbolische Handlungen wie Radtouren am Wochenende, kritisiert der Forscher.

Nur wenige gaben an, seltener Auto zu fahren oder seltener zu fliegen. „Kaum einer weiß, wie viel er verbraucht“, sagt Kuckartz.

In Deutschland gibt es mit etwa 20 Prozent einen hohen Anteil von Menschen, die nicht davon überzeugt sind, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Zudem schätzt die Mehrheit der Bürger die Auswirkungen für Deutschland eher als wenig dramatisch ein. Sensibel für die Probleme des Klimawandels sind vor allem Frauen. Auch Führungskräfte, Studierende und links orientierte Leute fallen positiv auf, schlecht schneiden Rentner ab.

Weitere Auffälligkeiten beim Ländervergleich: Die Niederländer haben relativ wenig Angst vor dem Klimawandel, obgleich sie gut informiert und stark betroffen sind: „Wir haben uns das damit erklärt, dass die Holländer jahrhundertelange Erfahrung darin haben, wie man dem Meer trotzt“, sagt Kuckartz.

Politikern rät Forscher Kuckartz, das Problem ernsthafter anzugehen. Wenn man auf der einen Seite über den Klimawandel rede und auf der anderen Seite eine Abwrackprämie einführe, seien das widersprüchliche Signale.

Von Gesa Coordes

Quelle: HNA

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