Steuergeld für rostige Räder

Magistrat verlängert Abwrackprämie für Drahtesel –100 Marburger nutzten sie bislang

Torsten Glock führt den ältesten Marburger Fahrradladen - und wusste bislang nichts von der Abwrackprämie.

Marburg. Marburg ist die einzige deutsche Stadt, die bis heute eine Abwrackprämie für Fahrräder zahlt. Doch die Unistadt macht so wenig Werbung für die Prämie, dass sie selbst Händlern unbekannt ist.

„Ich wusste gar nicht, dass es sie noch gibt“, sagt Torsten Glock, der den ältesten Marburger Fahrradladen in der vierten Generation führt. Ähnlich geht es seinen Kollegen, die von der Förderung nur durch Kunden erfuhren. Bei den Marburger Radlern ist das Angebot nämlich sehr gut angekommen: „Anfangs hatten die Leute richtig Sorge, dass sie den Zuschuss nicht mehr bekommen“, erzählt Glock. Sein Umsatz ging nach oben.

Nach Informationen des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) gab es bundesweit vier Städte, die als Reaktion auf die Abwrackprämie für Autos 50-Euro-Zuschüsse für Fahrräder einführten: Mannheim war im Mai 2009 die bundesweit erste Kommune, die ihren Bürgern Geld für ein altes Rad zahlte. Es folgten Frankfurt am Main, Marburg und Teltow in Brandenburg.

Doch während sie andernorts auf die ersten 100 Fahrräder begrenzt war oder nur wenige Tage galt, gibt es sie in Marburg bis heute. Mit großzügigen Regeln: Sie gilt auch für Kinderräder. Und wer ein neues Elektro-Fahrrad kauft, bekommt sogar 100 Euro im Tausch gegen ein altes Rad. Dabei ist die Stadt eigentlich überhaupt keine Fahrradhochburg. An vielen Hauptstraßen gibt es bis heute keine Fahrradwege.

„Falsches Signal“

„Umweltprämie“ heißt die städtische Förderung. Anlass war auch hier die Abwrackprämie für Autos: „Sie war das falsche Signal, weil sie überhaupt keine ökologischen Kriterien enthielt“, erklärt Bürgermeister Franz Kahle (Grüne). Als die Stadt einen Klimaschutzpreis für ihre neue Kinderkrippe in Marburg-Marbach erhielt, nutzte sie den unverhofften Geldsegen - 50 000 Euro -, um eine Fahrradprämie, ein Fahrradverleihsystem und einen Zuschuss für energiesparende Kühlschränke einzuführen.

„Mit dieser Prämie wollen wir die Leute anspornen, das Fahrrad als Mobilitätsalternative in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen zu rücken“, sagt Kahle. Und die Unterstützung für E-Bikes soll auch weniger sportliche Menschen dazu bewegen, die anstrengenden Berg-und-Tal-Fahrten in der Stadt auf sich zu nehmen. Inzwischen sind die Preisgelder weitgehend aufgebraucht. Etwa 100 Marburger haben die Prämie genutzt. Der Magistrat hat beschlossen, das Angebot zu verlängern.

In Marburg kaufen

Um die Zuschüsse zu bekommen, muss das neue Fahrrad bei einem Marburger Fachhändler gekauft und ein altes Rad ins Gebrauchtwarenkaufhaus der Beschäftigungsgesellschaft „Praxis GmbH“ gebracht werden. Dabei ist es egal, wie verrostet der Drahtesel ist. Selbst blanke Rahmen nimmt das Gebrauchtwarenkaufhaus entgegen: „Das sind oft echte Wracks“, weiß Geschäftsleiterin Gerlind Jäckle. Deshalb lohnt sich die Aufarbeitung in der Regel nicht. Sind die Räder noch in einem guten Zustand, werden sie an Arbeitslose verschenkt. Sonst gehen sie auf den Schrott.

Von Gesa Coordes

Quelle: HNA

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