Ehepaar geht wegen Ruhestörung gegen Rentnerin vor - 92-Jährige wehrt sich

Streit um TV-Lärm vor Kadi

Ist ihr Fernseher zu laut? Die 92-jährige Ursula Glorius muss vor Gericht, weil ihre Nachbarn sich gestört fühlen. Deshalb hat die Rentnerin einen Bußgeldbescheid der Stadt Eschwege im Werra-Meißner-Kreis bekommen. Und dagegen wehrt sie sich nun. Foto: Sagawe

Eschwege. Über den Bildschirm flimmern gerade die neuesten Nachrichten aus aller Welt. Gespannt sitzt Ursula Glorius vor dem Gerät, die Fernbedienung fest in der Hand. „Das ist doch nun wirklich nicht zu laut!?“, sagt sie. Vor allem Nachrichtensendungen und die Gerichtsshows interessieren die 92-Jährige, die viele Jahre als Rechtsanwaltsgehilfin gearbeitet hat.

Schon bald muss die Rentnerin vor Gericht erscheinen. Denn das Ordnungsamt der Stadt Eschwege hat sie mit einem Bußgeld belegt, weil sie ihr Fernsehgerät angeblich zu laut eingestellt hat und Nachbarn sich davon belästigt fühlen. Weil die Rentnerin das Bußgeld ablehnt, schaltete sich sogar die Staatsanwaltschaft ein und betreibt das Ordnungswidrigkeitsverfahren der Stadt nun vor Gericht.

Eschweges Erster Stadtrat Reiner Brill meint, keine andere Wahl gehabt zu haben, als das Ordnungswidrigkeitsverfahren einzuleiten und das Bußgeld auszusprechen. Es habe eine Anzeige vorgelegen. „Da müssen wir tätig werden.“

Ursula Glorius habe über ihren Anwalt Widerspruch gegen den Bescheid eingelegt, aber keine „entlastenden Beweismittel“. Die Nachbarsfamilie Kalfa hingegen, die sich vom TV-Ton der 92-Jährigen gestört fühlt, habe mit ausführlichen Lärmprotokollen ihre Vorwürfe erhärtet.

Zuletzt habe man ihr viermal sogar die Polizei geschickt, sagt die resolute Rentnerin. Die Polizisten seien bei einem Besuch einfach in ihre Wohnung gekommen und hätten am Fernseher herumgeschaltet. „Das dürfen die doch gar nicht“, so Ursula Glorius. „Der hat was gemacht“, sagt Ursula Glorius in Richtung ihres Nachbarn Lutz Kalfa. Sie zeigt auf die Wand, die beide Doppelhaushälften trennt und deutet an, dass sie von Manipulationen am Mauerwerk ausgeht.

Lutz Kalfa entgegnet: „Die Frau ist schwerhörig und bösartig.“ In „Lärmprotokollen“ hält das Ehepaar mittlerweile minutiös jedes Geräusch auf der anderen Seite der Hauswand fest. „Wir haben sogar schon überlegt wegzuziehen“, so Antje-Viola Kalfa. Wenn die Polizei anrücke, schalte die Nachbarin das Gerät leise. Kaum seien die Beamten weg, werde wieder aufgedreht. „Das geht vormittags los und dauert bis 21 oder 22 Uhr am Abend“, erzählt Kalfa.

Die Situation habe sich im vergangenen Jahr zunehmend verschärft, die Wohnqualität sei extrem eingeschränkt. „Im Sommer können wir nicht draußen sitzen, weil sie dann auch noch das Fenster aufhat, wenn sie den Fernseher aufdreht“, erzählt Kalfa. „Manchmal steigen wir in das Auto und fahren einfach los, um ein bisschen Ruhe zu haben.“

Wann die Kontrahenten vor Gericht erscheinen müssen, steht noch nicht fest.

Von Harald Sagawe

Quelle: HNA

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