Trotz Missbrauch: Odenwaldschule blickt bei Jubiläum nach vorn

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Postkarten zur Installation "Die Tränen der Knaben" bei der Ausstellungseröffnung zum 100-jährigen Jubiläum der Odenwaldschule.

Heppenheim. Trotz ihres Missbrauchsskandals hat die für ihre Reformpädagogik bekannte Odenwaldschule den Blick nach vorn gerichtet.

„Wir haben die Chance, den Grundstein legen zu können für ein neues, ein weiteres Jahrhundert reformpädagogisches Landerziehungsheim“, sagte Direktorin Margarita Kaufmann am Samstag bei der 100-Jahr-Feier vor rund 150 Gästen im südhessischen Heppenheim.

Sichtlich bewegt sprach sie die Übergriffe an. „Wir denken an die von Erwachsenen an Leib und Seele verletzten Menschen und fühlen uns ihnen an diesem Tag besonders verbunden.“ Der Festakt war schlicht gehalten. Nur bei einem Sketch von Schülern kam kurz eine gelöste Stimmung auf. Am Freitag hatten bei einer extra angesetzten Podiumsdiskussion ehemalige Schüler über die Übergriffe diskutiert.

Als Kaufmann auf das dunkle Kapitel in der Geschichte der renommierten Privatschule zu sprechen kam, musste sie des öfteren unter Tränen kurz innehalten.

„Im Namen der Odenwaldschule bitte wir all die um Vergebung, denen die Odenwaldschule nicht gerecht geworden ist“, sagte die 54-Jährige. Gleichzeitig wurde eine Ausstellung eröffnet. Auch sie verschweigt den Missbrauch nicht. An dem 1910 vom Pädagogen Paul Geheeb gegründeten Internat waren in den vergangenen sechs Wochen länger zurückliegende sexuelle Übergriffe bekanntgeworden.

Die Unesco-Modellschule spricht von rund 40 Opfern zwischen 1966 bis 1991. Beschuldigt werden elf ehemalige Lehrer. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt hält die Fälle allerdings für verjährt. Der Tübinger Bildungshistoriker Ulrich Herrmann skizzierte in seinem Vortrag eine „Doppelgesichtigkeit“ der idyllisch gelegenen Odenwaldschule. „Über dem anmutigen Tal liegt ein dunkler Schatten“, sagte der 70-Jährige.

„Die Odenwaldschule war für junge Menschen mitunter der letzte Rettungsanker für ein Leben, dass zu entgleisen drohte“, erinnerte der emeritierte Professor. „Es gab aber auch junge Menschen, die in die Falle geraten waren. Die finsteren Kapitel sind jedoch nicht die ganze Geschichte der Odenwaldschule.“

Seinen Rat für die Zukunft kleidete er in eine Frage: „Wenn wir uns jetzt gründen würden, wie sähen unsere Maßstäbe aus?“ Die Ausstellung ist noch bis zum 13. Juni im Heppenheimer Stadtmuseum zu sehen. Dazu gibt es auch eine Vortragsreihe.

Am Eingang weist ein großes Plakat auf die Übergriffe hin. Mit dem rund fünf Minuten langen Hörspiel „Die Tränen des Knaben“ macht eine Gruppe von Künstlern auf das Thema Missbrauch aufmerksam. (dpa)

Quelle: HNA

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