Waschen für Wohnen: WG-Projekt bringt Studenten und Senioren zusammen

WG zu beiderseitigem Nutzen: Anne Mittelbach (rechts) und Marlies Schmidt legen Wäsche zusammen. Foto: dpa

Marlies Schmidt (78) hat eine 80-Quadratmeter-Wohnung in Hannover und braucht Unterstützung im Haushalt. Studentin Anne Michelbach (23) sucht eine günstige Unterkunft und hilft gerne. Das passt.

In vielen deutschen Unistädten finden sich so Wohngemeinschaften. Der Unistandort Witzenhausen hat im Juli ein Projekt gestartet, Kassel soll folgen.

Für Marlies Schmidt ist Anne Mittelbach ihr ganz persönlicher Glücksfall. Vor zwei Jahren ist die junge Studentin bei Schmidt eingezogen. Eine besondere Wohngemeinschaft, denn die beiden Frauen trennen 55 Jahre. Für Außenstehende ungewöhnlich, aber: „Wir haben uns von Anfang an gut verstanden. Ich kann gut mit jungen Leuten, im Kopf bin ich jung geblieben“, sagt die 78-jährige Schmidt.

Ihre WG haben die beiden ungleichen Wohnpartnerinnen im Rahmen des Projekts Wohnen für Hilfe gegründet, das der Seniorenservice der Stadt und das Studentenwerk Hannover tragen. Für die Seniorin ist die junge Studentin eine Bereicherung. Die 23-Jährige trägt Leben in ihre vier Wände. Ohne das Projekt würde sie heute in einem kleinen Zimmer in einem Altenheim leben, erzählt Schmidt.

Die 78-Jährige leidet seit Jahren an chronischer Bronchitis und ist rund um die Uhr auf ein Sauerstoffgerät angewiesen. Nach draußen kann sie nicht mehr, denn ohne Atemgerät reicht die Luft nur für eine Stunde. Haushaltsarbeiten in der 80-Quadratmeter-Wohnung fallen ihr mittlerweile schwer. Für zehn Stunden im Monat übernimmt die junge Mitbewohnerin Dinge wie Einkaufen, Waschen oder Spülen.

Laut Vertrag leistet die Studentin pro Quadratmeter ihres Zimmers monatlich eine Stunde Unterstützung. Dafür wohnt sie mietfrei. Pflegerische Tätigkeiten sind ausgeschlossen. Der finanzielle Aspekt ist für die 23-Jährige nicht unwesentlich, aber auch nicht der Hauptgrund, weshalb sie sich für die nicht alltägliche WG entschieden hat.

Der Wohnungsmarkt in Hannover ist schwierig, es gibt hier nicht genügend freien und erschwinglichen Wohnraum für die derzeit knapp 44 000 Studenten in der Stadt.

Auch der Trubel einer WG mit jungen Leuten oder in einem Wohnheim lagen ihr nicht. Also bewarb sie sich und wurde mit Marlies Schmidt bekanntgemacht.

Für Ilka Dirnberger vom Landesseniorenrat Niedersachsen gehört für das Zusammenleben mit der anderen Generation viel Toleranz. „Ältere Leute haben so ihre Macken“, sagt Dirnberger. „Die Jugendlichen sind ganz anders strukturiert als wir das mal gewesen sind. Da kann es schon Reibungspunkte geben.“ Für Dirnberger ist wichtig, dass die Bereitschaft zum miteinander Wohnen von beiden Seiten ausgeht.

Seit Anne Mittelbach bei Marlies Schmidt wohnt, sind moderne Zeiten eingezogen. So werden die dringend benötigte Kaffeemaschine oder ein Aktenvernichter einfach über das Internet bestellt. „Wir können viel voneinander lernen“, sagt Schmidt und stupst ihre junge Mitbewohnerin mit einem Lächeln an. „Meine Anne gebe ich nicht mehr her!“ (dpa) • Mehr Infos: www.wohnenfuerhilfe.org

Hintergrund

Witzenhausen startete im Juli 

• In rund 30 Städten gibt es das Wohnprojekt mittlerweile, in München schon seit 20 Jahren. In Hannover sind seit 2012 so 19 Wohnpartnerschaften entstanden. In Witzenhausen ging Wohnen für Hilfe im Juli 2015 an den Start. Am dortigen Standort der Uni Kassel kümmern sich Seniorenrat, Diakonie, AStA und das Bündnis für Familie um das Projekt. Wohngemeinschaften für Senioren und Studenten in Kassel sollen folgen.

(dpa/wrk)

Von Susann Prautsch

Quelle: HNA

Kommentare