Fragen und Antworten: 12 000 Kinder unter zehn Jahren leiden unter Angst

Wenn die Schule quält - 12.000 Kinder in Hessen leiden unter Angst

Jeder Tag, an dem ein Kind der Schule fernbleibt, verstärkt die Angst: Der Grund kann Leistungsdruck, Unterforderung, aber auch Trennungsangst sein. Foto: dpa

Kassel. Angst vor der Schule, vor Fremden, vor Trennung - 12.000 hessische Kinder unter zehn Jahren wurden laut einer Studie der Techniker Krankenkasse im Jahr 2009 aufgrund von Angststörungen behandelt. Mehr als 2000 Vor- und Grundschüler leiden unter therapiebedürftiger Trennungsangst.

?Ist Angst bei Kindern nicht ein normaler Prozess?

!Ja. Sie gehört sogar zu einigen Entwicklungsstufen dazu. Zum Beispiel das Fremdeln bei Kleinkindern ab dem 8. Monat. Bis zum Alter von zwei Jahren ist das normal. „Zeigt aber ein vierjähriges Kind starke Angst vor Fremden, bekommt das einen anderen Wert“, sagt Dr. Mareike Schüler-Springorum, leitende Ärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vitos Klinikum Kurhessen in Kassel.

? Welche Form von Angst tritt bei Kindern häufiger auf?

!Kinder fürchten sich vor Geschehnissen in der Schule, etwa dem strengen Lehrer, vor Leistungsversagen oder vor hänselnden Mitschülern. Bei jüngeren Kindern tritt häufiger Trennungsangst auf, die nicht direkt mit der Institution Schule zu tun hat.

? Welche Symptome lassen auf Angst schließen?

!Häufig treten Kopf- oder Bauchschmerzen auf, seltener Fieber. Typisch für Schulangst sei, so Schüler-Springorum, dass die Symptome zu Beginn der Woche verstärkt auftreten und zum Wochenende nachlassen. Wenn ein Kind regelmäßig dienstags über Bauchschmerzen klagt, sollten Eltern schauen, welches Fach auf dem Stundenplan steht.

? Ab wann muss ich als Elternteil die Notbremse ziehen?

!Wenn es so weit geht, dass Kinder nicht zur Schule gehen, ist das klinisch relevant, sagt Schüler-Springorum.

?Wie werden Angststörungen diagnostiziert?

!Mit schulbezogenen testpsychologischen Untersuchungen, dazu gehört auch ein Intelligenztest. Aber auch sogenannte Teilleistungsstörungen, wie Rechtschreibstörungen, werden untersucht. Angst kann zum Beispiel mit einer Unter- oder Überforderung des Kindes zusammenhängen.

?Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Leistungsangst?

!Es werden Lerntrainings eingesetzt, in denen Prüfungssituationen, etwa das Schreiben an der Tafel oder eine Klassenarbeit, nachempfunden werden. Der Patient lernt dazu Entspannungsverfahren, um mit der Situation umzugehen.

?Und wenn soziale Ängste bei den Kindern dahinterstecken?

!In dem Fall ist es besonders wichtig, den Kindern zu erklären, sich der Angst zu stellen. Jeden Tag, an dem ein Kind nicht zur Schule geht, wird die Angst größer. Ein Selbstsicherheitstraining kann dabei helfen.

?Wo bekommen Eltern erste Hilfe?

!Beim Kinderarzt, Schulpsychologen, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und beim psychosozialen Dienst. In schwerwiegenden Fällen hilft eine Klinikbehandlung mit begleitendem Schulunterricht. In die Behandlung werden auch die Eltern miteinbezogen. Therapiekosten übernimmt die Krankenkasse.

Von Heidi Senska

Quelle: HNA

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