Ein Jahr neue Landebahn: In Flörsheim leiden die Menschen besonders darunter

„Wir harren im Käfig aus“

Seit der Eröffnung der neuen Landebahn vor einem Jahr rollen die Jets auf riesigen Brücken über die Autobahn A3 hinweg zum Terminal des Frankfurter Flughafens. Bürgerinitiativen bekämpfen den Ausbau weiter. Archivfotos: wet/dpa

Frankfurt. Am 21. Oktober 2011 schwebt Angela Merkel mit dem Regierungsjet zur Eröffnung ein. Am Tag danach, einem Samstag, geht es frühmorgens los. Ostwetterlage, das heißt, die Flugzeuge kommen von Westen. Im Wald bei Mainz schauen die Frühsportler verwirrt zum Himmel. Es dröhnt ununterbrochen.

Knapp 30 Kilometer weiter, in Flörsheim, bricht für viele Menschen eine Welt zusammen. Unmittelbar in der Verlängerung der neuen, 2800 Meter langen Landebahn donnern die Jets in weniger als 300 Metern Höhe über die Häuser. Fluglärm ist für die Flörsheimer nichts Neues, doch das macht sie fassungslos.

Statistisch gesehen herrscht nur an einem Viertel der Tage im Jahr Ostwetterlage, in der ersten Woche hält sie an. Petra Klee, Hildegund Klockner und Anja Keller, damals noch alle in der Lahnstraße zu Hause, bewegt nur ein Gedanke: Nichts wie weg von hier. Die Fraport würde ihre Häuser ja kaufen, hatte dafür ein „Casa-Programm“ für besonders Lärmbetroffene aufgelegt.

Die Kellers gingen als Erste, schweren Herzens, denn sie sind in Flörsheim verwurzelt. Heute leben sie in der Wetterau, fahren häufig hin und her. 1200 Menschen sind seit dem 21. Oktober 2011 insgesamt weggezogen.

Familie Klee ist noch da, aber auch sie hat verkauft, wohnt bald 30 Kilometer entfernt. Weil die Wirtschaft mehr zählt als die Menschen, sagt Petra Klee.

Klockners haben sich noch nicht durchringen können, zu sehr hängen sie an ihrem Heimatort. An den lauten Tagen „harren wir in unserem Käfig aus “, sagt Hildegund Klockner. In der Straße wohnen viele neue Nachbarn, dass jemand dorthin zieht, kann sie nicht verstehen.

Die Fluglärmgegner treffen sich montags. Seit einem Jahr demonstrieren Tausende im Terminal 1, viele auch aus Mainz und Umgebung. „Die Bahn muss weg!“ rufen sie unentwegt, auch wenn das unrealistisch ist. Zum Jahrestag am Sonntag rufen die Bürgerinitiativen zur Großdemo auf.

Derweil werden neue Anflugverfahren erprobt, die den Lärm mildern sollen. Den Flörsheimer hilft das nichts, da müssen die Flieger so oder so runter.

Immerhin: Beim Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr kennen die Behörden selten Gnade: Schon über 20 000 Passagiere mussten nachts unfreiwillig in Frankfurt bleiben.

Am Flughafen wird derweil weiter gebaut. Für 700 Millionen Euro entstand der neue Flugsteig Aplus, ein drittes Terminal im Süden mit 75 Flugzeug-Positionen soll 2016 fertig sein. Und die Lufthansa, die nicht müde wurde, wegen der Fracht das Nachtflugverbot zu geißeln, baut ein neues Cargo-Center. „Es geht immer weiter“, sagt Hildegund Klockner, „da bekommt man es doch mit der Angst.“

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Hintergrund:

Der Frankfurter Flughafen mit 70.000 Arbeitsplätzen, 490.000 Flugbewegungen und 56 Millionen Passagieren im Jahr ist einer der größten Flughäfen der Welt.

Um seine Stellung unter den Drehkreuzen zu behaupten, wurde die Kapazität durch die neue Landebahn um rund 50 Prozent erhöht. Als Gegenleistung für die geplagten Anlieger versprach die Politik das Nachtflugverbot. Unter wirtschaftlichen Aspekten ist der Flughafenausbau für die Rhein-Main-Region unverzichtbar, viele Firmen haben sich gerade wegen der zentralen Lage und der hohen Mobilität dort angesiedelt. Doch der Ausbau ist bei den dort lebenden Menschen wie schon beim Bau der Startbahn West in den 80ern hoch umstritten. Mit der Verlärmung zahlen sie für den Wohlstand der Region einen hohen Preis. (wet)

Quelle: HNA

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