Filmkritik zum Kinostart

"Der große Gatsby": Bildgewaltiges Feuerwerk

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Einsamer Partylöwe: In New Yorks mondäner Gesellschaft der Zwanzigerjahre scheint Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio) der einzige Mensch zu sein, der wirklich liebt.

Cannes - Mit einem bildgewaltigen Film hat Baz Luhrmann eine weitere Fassung von Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" aus dem Jahr 1925 auf die Kinoleinwand gebracht. Die Filmkritik:

Beim Lesen ist sofort das Bild da. „Und nun spielt das Orchester gelbe Cocktailmusik“, schreibt Francis Scott Fitzgerald über diese unglaubliche Party, die beste in der Literaturgeschichte, in deren Verlauf sein Erzähler Nick Carraway endlich die Hauptfigur des Romans kennenlernen soll. „Gelbe Cocktailmusik“, das löst bei jeder Lektüre andere Assoziationen aus – doch alle tönen im Kopf des Lesers wie es damals, im Sommer 1922, in Gatsbys Anwesen geklungen haben muss.

Verfilmen lassen sich solche Formulierungen nicht, von denen F. Scott Fitzgerald (1896-1940) so manche eingefallen ist für seinen 1925 erschienenen Roman „Der große Gatsby“. Und dennoch wurde dieses Buch mehrfach für Kino und Fernsehen adaptiert; am bekanntesten ist die Fassung von 1974 mit Robert Redford und Mia Farrow.

Jetzt hat Baz Luhrmann das wortverspielte Sittengemälde, das das New York der Roaring Twenties in all seiner Pracht und all seiner Düsternis zeigt, auf die Leinwand gebracht. Zusammen mit seinen Hauptdarstellern – allen voran Leonardo DiCaprio und Tobey Maguire – ist dem australischen Regisseur ein bildgewaltiger Film geglückt, bei dem vieles stimmt.

Gelbe Cocktailmusik. Bei Luhrmann basiert sie zwar auf Jazz, dreht dann jedoch in aberwitzigen R’n’B und HipHop ab. Diese eigenwillige Musik gibt dem Film sein Tempo, seine Atmosphäre. Luhrmann gelingt damit zweierlei. Er leugnet nicht die Wurzeln. Dem „Jazz Age“ setzte Fitzgerald, selbst kein Kind von Traurigkeit, mit seinem Roman ein literarisches Denkmal. Kraft, Erotik, das faszinierend-empörend Neue, kurz: alles, was den Jazz in den Zwanzigern auszeichnete, klingt hier in dem von Rapper Jay-Z produzierten Soundtrack. Dessen Musik verknüpft Luhrmanns opulente Bilder und das großartige Spiel seines Ensembles miteinander. Nun rast die Geschichte mit der unerbittlichen Konsequenz einer griechischen Tragödie auf ihre Katastrophe zu.

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„Der große Gatsby“ – das ist ein Märchen aus der Welt der Reichen und Mächtigen. Zugleich ist es der Blick in die dunklen Abgründe hinter der Fassade. „Der große Gatsby“ erzählt davon, dass ein Feuerwerk zwar schön anzuschauen ist – aber keine Wärme spendet. „Der große Gatsby“ ist die Figur, die sich ein Bub im armen und gottverlassenen Nirgendwo erträumt hat, um seine geliebte Daisy (zurück) zu erobern.

Denn als Jay Gatsby im Ersten Weltkrieg kämpfen musste, heiratete die Liebe seines Lebens den reichen, überheblichen Tom Buchanan und lebt fortan mit ihm in East Egg, New York (Vorbild für Fitzgerald war Sands Point, in den Zwanzigern eine noble Gegend). Gatsby, durch undurchsichtige Geschäfte sagenhaft reich geworden, zieht in ein Anwesen auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht. Dort lädt er zu rauschenden Festen – auf denen er der einzig Einsame ist.

Eine Einsamkeit, die Leonardo DiCaprio indes nie als Kälte zeigt: Regisseur Luhrmann versteht es so geschickt wie Fitzgerald, seine Hauptfigur zunächst nur indirekt, durch das Geraune anderer einzuführen (War Gatsby ein deutscher Spion? Hat er jemanden umgebracht?). Fast scheu nähert sich die Kamera diesem Mann, zeigt ihn zunächst hinter einem Fenster, entfernt auf einem Steg. Und selbst auf seinen Partys lässt DiCaprio seine Figur zwar höflich, doch eben auch weit weg von allen erscheinen.

DiCaprio lebt das Geheimnis dieses Menschen. Und Luhrmann schickt den Zuschauer gemeinsam mit Nick Carraway auf dessen Spur. Carraway, der gern Schriftsteller geworden wäre und sich in die scheinbar sichere Existenz des Börsenhändlers gerettet hat, bezieht zufällig ein kleines Haus neben Gatsbys Anwesen. Da Daisy seine Kusine ist, verkehrt er auch bei den Buchanans. So wird er Protokollant des Untergangs.

Zwar spielt Tobey Maguire diesen Nick, wie er bereits viele Figuren zuvor gespielt hat. Doch man folgt dem jungen Mann gerne, der immer noch Staunen kann wie ein Bub. Er kann bezeugen, dass Gatsbys Einsamkeit tiefer Liebe entspringt. Und er wird dessen Komplize: Es ist ein komödiantisches Kabinettstück, wenn DiCaprio seinen Gatsby bei Nick auf das erste Treffen mit Daisy (zauberhaft: Carey Mulligan) nach fünf Jahren warten lässt. Ein nervöser Zappelphilipp ist er in diesem Moment, der in keiner Weise an den mondänen Gastgeber von nebenan erinnert.

Luhrmanns Film pulst natürlich stets im richtigen Tempo und schaufelt jede Menge Schauwert auf die Leinwand (gerade in der 3D-Fassung werden die Partyszenen zu perfekt choreographierten Wimmelbildern). Doch vom Leben, seiner Schönheit und seiner Unerbittlichkeit erzählen die Schauspieler. Durch ihr Zusammenspiel kann „Der große Gatsby“ im Bilderrausch absaufen – und im anschließenden Kater die zwischenmenschliche Kälte, die Einsamkeit offenbaren. In einer der stärksten Szenen blafft Nick Carraway seinen Nachbarn an: „Man kann die Vergangenheit nicht wiederholen.“ – „Natürlich kann man“, antwortet Gatsby. Und lächelt nachsichtig. Eine Behauptung, die ihn das Leben kosten wird.

Von Michael Schleicher

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