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Trailer zu "Toni Erdmann": Ein Film der glücklich macht

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Die Kluft zwischen Vater und Tocher ist weit größer als auf der Rückbank dieses Autos: Als Toni Erdmann mit Perücke und falschen Zähnen versucht Winfried (Peter Simonischek), einen Zugang zu seiner Tochter Ines (Sandra Hüller) zu finden.

München - Maren Ades Film „Toni Erdmann“ destilliert aus vielen kleinen, wahrhaftigen Momenten das Leben in all seinen Facetten. 

Und warum wird dieser Film nun so gefeiert? Warum spricht seit Cannes in der deutschen – und der internationalen! – Kinolandschaft jeder von „Toni Erdmann“? Weil dieser zottelige Kauz mit den schiefen Zähnen schlichtweg glücklich macht.

Maren Ade, Absolventin der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München, hat hier eine Figur ersonnen, die optisch sicher nicht ganz unfreiwillig an Loriots Maskenmann Vic Dorn erinnert. Wie einst Vicco von Bülow seine Umwelt mit hintersinnigem Humor porträtiert hat, gelingt es auch der jungen Ade, ein Bild unserer heutigen Gesellschaft zu zeichnen: die Irrungen und Wirrungen menschlicher Beziehungen abzubilden in all ihrer Tragik. Doch, und das ist der besondere Kniff des Films, immer dann, wenn es gar zu beklemmend wird, löst Ade die Spannung mit großartiger (Situations-) Komik.

Ihr Mann für den Humor: Witzbold Toni. Bürgerlicher Name: Winfried. Doch weil dieser Alt-68er keinen Zugang zu seiner karriereorientierten Tochter Ines (Sandra Hüller) hat, verwandelt er sich in den abgerissenen, völlig unkonventionellen „Life Coach“ Toni und mischt die Unternehmensberater-Welt, durch die sich Ines mit leeren, aufgeblähten Worthülsen schlägt, ordentlich auf. Zum Leben erweckt wird er freilich erst durch das herausragende Spiel von Peter Simonischek, dem Burgtheater-Schauspieler, achtmaligem Salzburger „Jedermann“, Charmeur und gutmütigem Bär von einem Mann. „Im Film muss man sein, jede Absicht sollte völlig verschwinden, weil Film auf dem einzig wahren Moment basiert“, sagt er. Dieser Film ist ein einziger wahrer Moment. Zusammengesetzt aus Hunderten kleinen. Aus dem zum Beispiel, als sie beide, Vater und Tochter, da noch als Winfried und Ines, in ihrer Bukarester Wohnung vor dem Aufzug stehen. Sein Überraschungsbesuch bei ihr ist großartig gescheitert (außer genervte Tochter und ob des Lebensstils seines Mädchens erschütterter Vater nix gewesen), nun gilt es, das Abschiednehmen schnell über die Bühne zu bringen. Aber – ja, genau so ist das Leben! – der blöde Aufzug scheint endlos zu brauchen. Warten vor der verschlossenen Tür, nervöses Füßetrippeln, Drücken auf den Aufzugknopf – wann kommt er denn endlich? Ade kostet diesen Moment aus, lässt ihre Hauptfiguren leiden. Zwischen peinlichem Schweigen und Nonsense-Smalltalk verzweifeln. Ein wahrer Moment.

Dann ist der Papa weg. Kurz nachdem sich die taffe Ines den Fuß verknackst hat. Sie, die sich nicht helfen lassen wollte vom Vater, schaut ihm nun hinterher – heimlich, vom Balkon in den Hof hinunter. Und als er sie doch entdeckt, da winkt sie wie ein kleines Mädchen; eine Rolle, die sie sich nun zugesteht für diesen einzigen wahren Moment.

Wenig später: Auftritt Toni. Durch seine Maskerade findet er endlich Schritt für Schritt den ersehnten Zugang zu seiner ja ebenfalls maskierten, weil im „Business-Look“ eingehüllten Tochter. Einer der stärksten, der wahrsten Augenblicke: als sie zusammen Whitney Houstons „The greatest Love of all“ vorführen, er am elektronischen Klavier, sie mit vollem Stimmeinsatz. Rührend, befreiend, kathartisch. Doch nein, Ade lässt ihre Protagonisten nicht im Pathos-Schmustopf ertrinken. Denn so einfach ist es eben nicht. Ein Lied aus Kindheitstagen gemeinsam geschmettert, und schon sind alle Schwierigkeiten dahin? Von wegen.

Dass dieser Film fast drei Stunden dauert, wurde im Vorfeld des Kinostarts immer wieder thematisiert. Dass es genau die richtige Länge ist, beweisen Szenen wie die mit dem Houston-Song. Ade nimmt sich Zeit, gibt Vater und Tochter Raum, sich einander anzunähern. Bis zum Finale, diesem großartigen Finale. Da fällt jegliche Maske ab. Auf der einen Seite. Die andere verhüllt sich ganz, um nur eins zu sein: ein schützender Riese, dessen Augen verdeckt sind, der also nicht über das, was vor ihm passiert, richten kann. Der einfach da ist, an den man sich anlehnen kann. So einzigartig. So wahr.

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„Toni Erdmann“

mit Peter Simonischek

Regie: Maren Ade

Laufzeit: 162 Minuten

Hervorragend

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