Ausstellung mit Zeitzeugen

Im Grenz-Bahnhof in Herleshausen wird Erinnerung lebendig

Ergreifende Zeitzeugenberichte: Kristina Bayer (Mitte) vom Verein Grenz-Bahnhof für Zeitgeschichte führt ein Gespräch mit Sibyl Knickenberg und Werner Minkenberg. Fotos: Berg

Herleshausen. „Große menschliche Schicksale haben sich an diesem Ort abgespielt, es ist ein lebendiger Ort der Erinnerung“, sagte Kreisbeigeordneter Lothar Hellwig. Am Wochenende öffnete der Bahnhof Herleshausen mit seiner neuen Ausstellung des Grenz-Bahnhofs für Zeitgeschichte erstmals die Türen für Besucher.

Anlass war ein Feierwochenende zur Erinnerung an 7796 Spätheimkehrer, die vor 60 Jahren aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kamen und in Herleshausen erstmals wieder deutschen Boden betraten. Auch zwei Zweitzeugen waren bei den Feierlichkeiten dabei: Werner Minkenberg, der selbst mit dem Zug aus der Gefangenschaft in Herleshausen ankam, und Sibyl Knickenberg, die im Oktober 1955 gemeinsam mit ihrer Mutter ihren Vater Dr. Ludwig Krabbe in Herleshausen wieder in die Arme schließen konnte. „Für mich ist das ein ganz besonderes Erlebnis, wieder hier in Herleshausen zu sein, Erinnerungen werden lebendig“, erklärt Sibyl Knickenberg. Mit damals fünfzehneinhalb Jahren traf sie ihren Vater zum ersten Mal in ihrem Leben am Bahnhof in Herleshausen. Mit ihrer Mutter war sie extra aus Münster angereist, um ihn in Empfang zu nehmen. „Ich kannte ihn nur von Fotos, aber ich habe ihn sofort erkannt, als ich ihn im Zugabteil sitzen sah.“ Seit 1942 war Dr. Ludwig Krabbe in russischer Kriegsgefangenschaft, bis 1948 wusste seine Frau Maria nicht, ob er noch am Leben war. Werner Minkenberg, der heute in Bebra lebt, wurde mit siebzehneinhalb Jahren eingezogen, er war elfeinhalb Jahre in Kriegsgefangenschaft. „Den Tag, an dem ich in Herleshausen ankam, feiere ich als meinen zweiten Geburtstag“, erklärt der Zeitzeuge. „Es ist eine wichtige Aufgabe, auch wenn es unaussprechlich ist, das Erlebte weiterzugeben“, so Werner Minkenberg, der über sein Leben Bücher geschrieben hat. Ein Großteil der Exponate der Ausstellung zeigt Erinnerungsstücke von Werner Minkenberg und der Familie von Sibyl Knickenberg, so zum Beispiel Postkarten, die ihr Vater nach Hause schickte. Aber auch Suchschilder, mit denen Frauen und Familienmitglieder nach ihren Angehörigen suchten, viele Fotos und Zeitungsartikel gehören zur Ausstellung. „Als ich damals in Herleshausen ankam, sah ich die vielen Schilder und schaute die Fotos der Vermissten an, darunter entdeckte ich meinen Freund aus dem Lager und musste seiner Schwester die schlechte Nachricht überbringen“, erzählte Minkenberg.

Von Sonja Berg

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