Iman Zeynalov besucht gemeinsam mit Schülern den sowjetischen Soldatenfriedhof in Herleshausen

Ein Grab für die Hoffnung aller

Iman Zeynalov am Grab seines Vaters. Die Schüler von links: Mareike Weishaar, Theresa Göpel, Julian Preihs, Michelle Först, Annika Eichholz und Lisa-Marie Bauer. Foto: Bettinger

Herleshausen. In Reihe elf, Grab 205, liegt Dadash Zeynalov begraben, seit März 1943. Sowjetischer Kriegsgefangener in Herleshausen ist er gewesen, hatte seine Familie in Aserbaidschan verlassen müssen, als der Sohn Iman gerade mal zehn Tage zählte.

Nur selten wissen die Familien, wo ihre Angehörigen begraben wurden, und noch seltener gibt es einzelne Gräber mit Namensinschrift wie auf dem sowjetischen Soldatenhof in Herleshausen. Karl Fehr, Bürgermeister Herleshausens von 1924 bis 1945 und 1948 bis 1956, war es, der in seiner Funktion als Standesbeamter die Verstorbenen registrierte und ordentlich begraben ließ.

Und Fehr war es auch, mit dem sich die Siebtklässler der Südringgauschule vor einem Jahr im Zuge eines Bildungsprojektes beschäftigten, was sie so sehr beeindruckte, dass sie seither regelmäßig die Kriegsgräberstätte aufsuchen, Blumen bringen und gießen sowie Unrat entfernen.

All das mündete in einem gemeinsamen Gang über den Friedhof. „Ich bin immer wieder überrascht, wie sehr die Deutschen an unserem Schicksal teilhaben“, sagt er. Der Friedhof sei immer gepflegt, das Interesse groß, wenn er komme, auch von der jungen Generation.

Letztere indes traute sich anfangs nicht, mit dem Besucher aus Aserbaidschan ins Gespräch zu kommen. Respekt vor der Ruhestätte und den Menschen, die dort liegen, hatten die Schüler längst. Ein Angehöriger aber, dem die Gräber persönlich nahegehen, macht aus den Geschehnissen im Geschichtsbuch und einem Grundstück abseits der Ortschaft ein viel tiefgreifenderes und emotionales Erlebnis. „Wir wussten, dass hier ab und zu Besucher sind, aber gesehen hatten wir bisher noch keinen“, sagt Mareike Weishaar (13).

Regelmäßig bringen die Schüler Blumen an die Gräber, keine aus dem Supermarkt, sondern selbstgepflückte bunte Wiesensträuße. „Es soll gepflegt aussehen, wenn Angehörige kommen, aber auch natürlich“, sagt Theresa Göpel (13). Die Karl-Fehr-Straße, die Richtung Friedhof führt, bezeichnen sie als Straße des Friedens, der Hoffnung, der Liebe und der Zivilcourage.

Gemeinsam mit Iman Zeynalov suchten die Schüler das Grab von Farman Jusejnow. Dessen Bruder konnte die Reise nach Deutschland nicht antreten und hatte Zeynalov gebeten, das Grab an seiner Statt zu besuchen. Wie schon 1985 sammelte Zeynalov Erde von dem Grab ein, um sie mit nach Aserbaidschan zu nehmen. Dort werde es eine Zeremonie nach muslimischem Ritus geben, so Zeynalov: „Die Seelen sollen wiedervereint werden.“ Die Erde soll auf den Gräbern der Eltern verstreut werden.

In seiner Heimat ist der 71-Jährige ein Fernseh-Star. Alle seine Besuche in Deutschland wurden gefilmt und im Fernsehen gezeigt. Deshalb bekommt er immer wieder Anfragen von Angehörigen, er möge das entsprechende Grab fotografieren auf seinem nächsten Besuch. Die Schüler verabschiedeten ihn mit dem Lied „Gott hält die Welt in seinen Händen“. KOMMENTAR

Von Stefanie Bettinger

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