Das Margot-von-Schutzbar-Stift in Wommen bietet verschiedene Möglichkeiten, den Alltag zu bewältigen

Ein Heim für alle (Sucht-)Fälle

Ordnung und Sauberkeit stehen an erster Stelle, um ein reibungsloses Miteinander zu ermöglichen, weiß Gabriele Jonzeck. Deshalb hat sie auf die Gemeinschaftsküche immer ein besonderes Augenmerk. Foto: Bettinger

Wommen. Bei Gabriele Jonzeck ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Fasst sie Vertrauen zu ihrem Gegenüber, sprudelt es aus der sonst eher unscheinbaren Gestalt nur so heraus. Ist der Körper gut drauf und die Seele motiviert, tauscht sie ihren Rollator mit einem Dreirad und macht die Straßen unsicher.

Gabriele Jonzeck wohnt seit vier Jahren im Wohnpflegeheim des Margot-von-Schutzbar-Stifts Wommen. 30 Leute finden dort Platz. Menschen mit psychisch oder abhängigkeitsbedingten Erkrankungen, die chronisch mehrfach beeinträchtigt und auf Dauer pflegebedürftig sind. Fürs Altenheim wäre die 49-Jährige noch viel zu jung und aktiv.

Motivation ist Hauptaufgabe

Altenpfleger und Krankenschwestern mit Zusatzausbildung kümmern sich um die Bewohner. Mit Depressionen haben sie es viel zu tun, mit Persönlichkeitsveränderungen, aber auch mit schweren Krankheiten wie Krebs, die bei Suchtkranken häufiger auftreten und oftmals schwerer verlaufen als bei anderen. „90 Prozent unserer Arbeit sind Reden, Motivieren und Anleiten“, sagt Heimleiterin Ursula Nölker.

Reden, das kann Jonzeck gut, wenn sie will. Seit zwei Jahren ist sie Heimbeiratsvorsitzende, spricht Probleme von Bewohnern an bei der Heimleitung und diskutiert auch mal - willkommene Abwechslung im sonst straff durchstrukturierten Alltag.

Jeden Mittag hilft die Witzenhäuserin in der Heimküche aus. „Eineinhalb Stunden Kartoffeln schälen - das muss man mir erst mal nachmachen!“, sagt sie. Auch in die Reha- und in die Theatergruppe geht sie regelmäßig. In der sogenannten Tagesstruktur kann sie weitere handwerkliche oder hauswirtschaftliche Tätigkeiten übernehmen. Auch einen Garten und mehrere Tiere gilt es zu versorgen. Philosophie des früher vom Diakonissen-Mutterhaus Hebron in Marburg und seit 2000 von Hephata geführten Hauses ist ein baukastenähnliches Prinzip. Auf dem Areal des früheren Schlosses der Baronin von Schutzbar gibt es auch ein Altenpflegeheim sowie ein Wohnheim für abhängigkeitserkrankte, aber nicht pflegebedürftige Menschen. Zusätzlich kommen in die Tagesstruktur Betroffene, die in ihren eigenen vier Wänden wohnen, am Tag aber betreut werden müssen, und solche, die in einer Art Gastfamilie untergebracht sind.

Sie alle haben ihre Rückzugsorte in ihrem jeweiligen Heim, bei den täglichen Angeboten aber kommen sie zusammen, treffen sich auf dem Hof oder jäten im Garten gemeinsam das Unkraut. „Man muss Regeln beachten bei so vielen Menschen, wie überall - aber leben kann man hier gut“, sagt Jonzeck.

Von Stefanie Bettinger

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