Herleshausen: Erste Stolpersteine für NS-Opfer sollen im November verlegt werden

Zehn Jahre später wurde sie ermordet: Rosi Ochs aus Herleshausen, hier auf einem Kindergartenbild aus dem Jahre 1933 , starb als Jugendliche im Vernichtungslager Sobibor. Fotos: Arbeitskreis Stolpersteine

Herleshausen. In der Emigration wähnten sie ihre Tochter sicher. Kallmann und Rosa Ochs erfuhren nicht mehr, dass auch ihre geliebte Rosa dem Nazi-Terror nicht entfliehen konnte.

Goldina Hecht

Denn als das junge Mädchen, das 1938 aus der Gemeinde Herleshausen zu Pflegeeltern nach Holland geschickt worden war, im Juni 1943 im Vernichtungslager Sobibor umgebracht wurde, war ihr Vater bereits tot und ihre Mutter im Konzentrationslager Stutthoff. Die Eheleute gehörten zu jenen jüdischen Einwohnern, die mit dem ersten Sammeltransport nordhessischer Juden am 9. Dezember 1941 ab Kassel in den Tod deportiert worden waren. Kallmann Ochs starb im Januar 1943 im Rigaer Ghetto, Rosa Ochs im Oktober 1944 im Konzentrationslager.

Kallmann Ochs

Sie waren längst nicht die einzigen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus der Gemeinde Herleshausen, wie Helmut Schmidt zu berichten weiß. Als Vorsitzender des Arbeitskreises Stolpersteine im Werratalverein Südringgau ist es ihm ein besonderes Anliegen, Daten zu allen jüdischen Einwohnern zusammenzutragen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden.

Julius Neuhaus

Noch in diesem Jahr, voraussichtlich im November, wird der Künstler Gunter Demnig erste Stolpersteine für sie verlegen, dabei handelt es sich um mit den Lebensdaten der Opfer versehene Messingtafeln, die vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort in den Boden eingelassen werden. „So wollen wir die Erinnerung wachhalten“, sagt Helmut Schmidt, der sich schon während seiner Amtszeit als Bürgermeister um die Aufarbeitung der dunklen Kapitel der Gemeinde Herleshausen verdient gemacht hatte. Seine intensiven historischen Recherchen tragen schon im Vorfeld der Stolpersteinverlegungen dazu bei, an das Schicksal der NS-Opfer zu erinnern. Daten, die er über Dokumente aus verschiedenen Archiven zusammenträgt, füllt er mit Unterstützung von Zeitzeugen und Fotomaterial mit Leben, erzählt so die Geschichten hinter Kennkarten und Aufzeichnungen der Meldeämter.

Eine Stütze seiner Nachforschungen ist auch das Gedenkbuch über die jüdische Gemeinde in Herleshausen und Nesselröden von Dr. Erich Schwerdtfeger. „Erfreulich ist, dass wir heute über das Internet sehr unkompliziert öffentlich zugängliche Archive und auch Kontakte zu Behörden und Arbeitsgruppen mit ähnlicher Zielsetzung nutzen können“, so Helmut Schmidt.

Rosalia Rosenthal

Sein besonderer Dank gilt den Teams der Stadtarchive in Eschwege und Eisenach, die dem Arbeitskreis entscheidende Hinweise und Daten zur Verfügung gestellt hätten. Das Material nutzt Helmut Schmidt nun, um regelmäßig die rekonstruierbaren Details der Biographien verschiedener jüdischer Einwohner vorzustellen.

Dazu gehören etwa die Schwestern Rosalia Rosenthal, Goldina Hecht und Jettchen Hecht, die damals als „Meier’sch Mädchen“ bekannt waren. Sie betrieben einen von den Eltern übernommenen Lebensmittelladen in der Holzhäuser Straße 14, konnten aber seit Mitte der 1930er Jahre aufgrund der einsetzenden Boykottierung jüdischer Geschäfte nicht mehr davon leben. Die Geschwister wurden am 1. Juni 1942 nach Sobibor deportiert und nur zwei Tage später dort ermordet.

Auch das Ehepaar Neuhaus überlebte den Holocaust nicht: Der Frucht- und Getreidehändler Moritz Neuhaus war in der israelitischen Gemeinde ein angesehener Mann. Er hatte von 1895 bis 1933 das Amt des Gemeindeältesten inne. Mit der Machtübernahme der Nazis bat er aber darum, ihn von diesem Amt zu entbinden. Er und seine Frau Emilie, beide schon betagt, wurden mit der letzten Deportation von Juden aus dem damaligen Kreis Eschwege in das Ghetto Theresienstadt gebracht. Beide mussten für ihren „Platz im Altersheim“, wie es offiziell hieß, 27 000 Reichsmark zahlen. Ihr mit einer Katholikin verheirateter Sohn Julius überlebte die NS-Zeit, musste aber in Gestapo-Haft und ins Arbeitslager. Er starb 1958 in seinem Elternhaus in Herleshausen. Seine Tochter lebt bis heute in Eschwege.

Um die Stolpersteine für die jüdischen Einwohner bezahlen zu können, sucht der Arbeitskreis noch weitere Sponsoren: „Wir freuen uns über jede Zuwendung“, so Helmut Schmidt, der froh und dankbar ist, dass bereits Geld für einige Erinnerungstafeln da ist. So haben etwa die Mitglieder der Gemeindevertretung schon auf Sitzungsgeld verzichtet, um die Aktion zu unterstützen. Auch Schulkameraden jüdischer Einwohner haben Geld für Stolpersteine überwiesen. Spendenkonto: Sparkasse Werra-Meissner, Kontonummer 2025096, Bankleitzahl 522 500 30

Von Melanie Salewski

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