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Werra-Brücke bei Herleshausen: Ein Symbol für Solidarität

Feuertaufe: Dicht gedrängt schieben sich Menschenmassen am 23. Dezember 1989 über die neue, noch nicht fertiggestellte Werra-Brücke. Der „Tag des Jahrhunderts“ wird noch heute begangen. Dazu wird die Werra-Brücke festlich geschmückt. Foto: WTV-Archiv/Gerig

Herleshausen. Der 11. März 1894 ist klirrend kalt. Trotzdem bringt der Landwirt Aßmann pflichtschuldig Mist auf seinem Feld in der Herleshäuser Flur aus. Der Atem seiner Pferde gefriert in der Kälte zu weißen Wolken, ihre schweren Hufe brechen Löcher in die dicke Eisdecke über der Werra. Zum tödlichen Verhängnis wird das Heinrich Rimbach aus Lauchröden, der abends von der Arbeit aus Herleshausen kommt: Der Maurermeister fällt in eines der Löcher, versinkt und wird von der Flussströmung davongetragen. Erst drei Monate später wird seine Leiche geborgen.

Dieser Vorfall gab den Anstoß zum Bau einer Brücke über die Werra, welche die Orte Herleshausen und Lauchröden verbinden sollte. Nach einer zweijährigen Bauphase wird schließlich im Mai 1898 die Einweihung des steinernen Bauwerks gefeiert. 47 Jahre lang wird die Werrabrücke, von den Herleshäusern auch Lauchröder Brücke genannt, täglich von den Bürgern beider Orte genutzt. Das vorläufige Ende des liebgewonnenen Werra-Übergangs besiegelt das Vorrücken amerikanischer Soldaten am 1. April 1945: Noch am gleichen Abend sprengte die Armee das Bauwerk, um an gleicher Stelle eine Behelfsbrücke mit Stahlträgern zu errichten.

Diesem zweiten, provisorischem Übergang setzte bald darauf das Hochwasser ein natürliches Ende. Die Zeiten, in denen ganz einfach von Hessen nach Thüringen, von West nach Ost spaziert werden konnte, gehören nun der Vergangenheit an.

Busse voller Touristen

Das Werra-Ufer auf Herleshäuser Seite wird während der Teilung Deutschlands zu einem Besuchermagneten. Busse voller Touristen aus dem In- und Ausland kommen nach Herleshausen, um dem Sozialismus über die kläglichen Brückenreste hinweg ins Auge zu blicken – denn unmittelbar am anderen Ufer stehen die ersten Häuser Lauchrödens.

Am 25. November 1989 setzten die Einwohner Lauchrödens schließlich ein deutliches Zeichen für Solidarität: In Eigenregie rissen sie den Wachturm auf den Brücken-Trümmern kurzerhand ab. Im Gegenzug organisierten die Herleshäuser einen Demonstrationszug zur Werra. Das Bekenntnis zum Miteinander manifestierte sich auch im Wunsch nach einer neuen Brücke. Die Voraussetzungen dafür wurde zwei Wochen später, am Tag vor Weihnachten, mit einem improvisierten Holzsteg geschaffen.

Bis heute treffen sich die Einwohner Herleshausens und Lauchrödens jedes Jahr am 23. Dezember um 18 Uhr an der dazu besonders geschmückten Lauchröder Brücke, um ihre Wiedervereinigung zu feiern.

Werra-Brücke verbindet Herleshausen und Lauchröden

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