Verhandlung am Landgericht Kassel

22-Jähriger  vergewaltigte offenbar arglose Rentnerin

Bad Sooden-Allendorf /Kassel. „Das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht“, sagte die 72-jährige Zeugin am Donnerstag vor dem Landgericht in Kassel. Im März vorigen Jahres war sie vor ihrer Haustür von einem 22-Jährigen in Bad Sooden-Allendorf vergewaltigt worden. „Meine kleine Welt war in Ordnung, ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass mir so etwas passieren könnte.“

Ein Mal in der Woche gönnte sie sich einen Besuch in einer Gaststätte, auch an jenem Abend im März. Zu vorgerückter Stunde saß sie noch mit ihrer Freundin dort, da wollte der junge Mann den beiden ein Getränk ausgeben. Die beiden Frauen willigten arglos ein. Als die 72-Jährige sich auf den Weg nach Hause begeben wollte, bot ihr der Angeklagte an, sie zu begleiten, er hab schließlich den gleichen Weg. Vor ihrer Haustür angekommen, stellte die Rentnerin fest, dass ihr Wohnungsschlüssel verschwunden war. Der Angeklagte, der am Donnerstag alles gestand, gab auch zu, dass er der Frau den Schlüssel auf dem Weg zur Wohnung aus der Tasche gezogen hatte.

Er bot der 72-Jährigen an, dass sie mit zu ihm nach Hause kommen könne. Nach seinen Angaben habe die Frau sich zunächst geweigert, dann jedoch zugestimmt. Sie selbst sagte als Zeugin, sie habe das merkwürdige Angebot sofort strikt abgelehnt und plötzlich einen dumpfen Schlag im Gesicht gespürt. „Von da an weiß ich nichts mehr.“ Schemenhaft könne sie sich lediglich daran erinnern, wie sie an den Fußfesseln gepackt und - am Unterleib entkleidet - über eine vereiste Wiese gezogen worden sei. Der Angeklagte schilderte, wie er die Frau entkleidete, ihr seine Finger in die Scheide einführte und dann auch versucht hat, Geschlechtsverkehr mit ihr auszuüben, was misslang. Geschlagen und über die Wiese gezogen, so beteuerte er, habe er sie auf keinen Fall.

Er ließ die Frau vor ihrer Wohnung liegen, zu Hause habe er kurz überlegt, zurückzukehren, „weil ich Mist gebaut habe“. Doch das ließ er dann doch bleiben. Die 72-Jährige kam in der Nacht frierend in ihrem Hauseingang kauernd wieder zu sich, sie rief eine Freundin an, die sie abholte und zur Polizei brachte. „Ich habe in dieser Nacht wohl drei Mal den Tod überstanden“, beschrieb sie vor Gericht ihre Gefühle danach. Erniedrigend und peinlich habe sie das Erlebnis in jener Nacht empfunden, der Angeklagte, der ihr Enkel sein könnte, „hat mir den Rest meines Lebens verdorben“.

Sie wache seit der Tat nachts oft auf und gehe unruhig zum Balkon, „der Tatort liegt direkt vor meiner Haustür“. Häufig wird sie von Panikattacken geschüttelt, „ich kriege mich nicht in den Griff“. „Es tut mir sehr leid“, sagte der Angeklagte, wenn ich nichts getrunken hätte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen“. Trotz seines Geständnisses werden diverse Zeugen und eine Sachverständige gehört, am 24. April wird der Prozess fortgesetzt. (pas)

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