Professor der Universität klärt auf

Interview: Warum sind die Lebensmittelpreise im Sinkflug?

Des einen Freud, des anderen Leid: Während sich viele Verbraucher über günstige Preise für Milch- und Fleischprodukte freuen, treibt die Preisentwicklung den Landwirten Sorgenfalten auf die Stirn. Vor allem den Preisverfall bei Milch sorgt für Ärger. Foto: dpa

Witzenhausen. Die Preise für Agrarprodukte fallen seit Monaten. Warum wir eigentlich mehr Milch und Kartoffeln kaufen müssen, erklärt Prof. Dr. Ulrich Hamm. Hamm arbeitet bei der Universität Kassel-Witzenhausen.

Herr Hamm, viele Bauern fluchen derzeit über sinkende Preise. Ist das gerechtfertigt? 

Hamm: Ja. Die Preise für Milch, aber auch viele andere Agrarprodukte wie Schweinefleisch, Kartoffeln und Äpfel sind gegenüber dem Vorjahr deutlich gefallen. Dafür gibt es viele Gründe und keineswegs nur einen, der zuletzt oft genannt wurde: nämlich der Preisdruck, den Aldi ausübt.

Welche Gründe gibt es noch? 

Prof. Dr. Ulrich Hamm

Hamm: Wenn die Milch knapp ist, kann keine Molkerei und kein Handelskonzern die Preise drücken, denn die Milch ist nachgefragt. Anders sieht es aus, wenn wie jetzt die Milch reichlich vorhanden ist. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen läuft der Milch-Export derzeit nicht so gut. Das liegt am russischen Importstopp in Folge des Russland-Ukraine-Konflikts, aber auch an der sinkenden Nachfrage aus Asien, wo die wirtschaftliche Lage schwieriger als im vergangenen Jahr ist. Milch ist weniger gefragt auf dem Weltmarkt als noch vor einem Jahr. Auf der anderen Seite wurde in Deutschland in diesem Jahr mehr Milch produziert, weil die günstige Witterung für guten Grünlandaufwuchs sorgte.

Hinzu kommt, dass innerhalb der EU ab 2015 die Milchquoten zur Begrenzung der Produktion aufgegeben werden. Ab 1. April kann jeder Landwirt so viel Milch produzieren, wie er will. In Vorbereitung darauf haben viele Milchbauern in der EU neue Ställe gebaut und ihre Produktion bereits ausgeweitet.

Die schwache Nachfrage trifft also auf ein großes Angebot. 

Hamm: Ja, deshalb gibt es einen Preisdruck auf breiter Front, der nicht allein von Aldi ausgeht. Die Molkereien haben große Mengen Milch und suchen Abnehmer. Wenn sie die nicht mehr im Ausland finden, dann bieten sie ihren deutschen Kunden, also dem Lebensmittelhandel, die Milch zu einem niedrigeren Preis an.

Also diktieren die Molkereien den Preis, nicht die Discounter? 

Hamm: Die Molkereien können ihre Milch ja nicht einfach längere Zeit einlagern. Und so viel Milchpulver kann die Welt auch nicht vertragen. Frischprodukte müssen abgesetzt werden - und das versuchen die Molkereien, indem sie sich gegenseitig preislich unterbieten. Warum sollen die Handelskonzerne wie Aldi, Lidl, Edeka oder Rewe den niedrigeren Preis ablehnen? Gerade Aldi ist dafür bekannt, niedrigere Preise schnell an die Verbraucher weiterzugeben. Aldi ist Vorreiter, in der Regel ziehen dann die übrigen Handelskonzerne nach.

Helfen die Preissenkungen denn wenigstens, das Überangebot zu beseitigen? 

Hamm: Das Problem ist, dass die meisten Verbraucher in Deutschland sich über niedrigere Milchpreise freuen, sie aber ihren Milchkonsum nicht deutlich steigern, wenn etwa die Trinkmilch statt 59 nun 49 Cent je Liter kostet. Wer schmiert schon die Butter dicker aufs Brot, weil die Packung zehn Cent billiger geworden ist? Der Markt wird so nicht geräumt. Es gibt nur wenige Haushalte am Existenzminimum, für die niedrige Preise bei Milchprodukten, Käse und Wurst ein Anreiz für einen höheren Konsum sind.

Lastet der Preisdruck ähnlich stark auf anderen Produkten? Für Getreide oder Obst gibt es ja keine Quote wie für Milch. 

Hamm: Es gab in diesem Jahr in vielen Bereichen mengenmäßig eine super Ernte. Dann kommen die Preise stets ins Rutschen. Entscheidend ist, dass deutsche Verbraucher nicht mit deutlich höheren Käufen auf sinkende Preise bei Lebensmitteln reagieren. Mehr essen können und sollten wir nicht, unsere Bäuche sind ja dick genug. Und wer isst aus Preisgründen nun mehr deutsche Kartoffeln und dafür weniger italienische Nudeln - oder mehr deutsche Äpfel und dafür weniger Bananen? Also müssten wir das Mehr an Agrarprodukten exportieren - aber die Exportmärkte sind vor allem durch den Importstopp von Russland, einem wichtigen Kunden für EU-Agrarprodukte, verstopft.

Bei lagerbaren Produkten wie Getreide ist das kein zu großes Problem, wohl aber für Frischprodukte - Milch, Kartoffeln, Gemüse. Auch die Landwirte können nicht so schnell auf veränderte Preisverhältnisse reagieren. Die Milch fließt weiter, denn ich kann der Kuh ja nicht viel weniger Futter geben, weil gerade weniger Milch gebraucht wird.

Heißt das, der sinkende Preis war abzusehen? 

Hamm: Der Preisdruck ist bei sehr guten Ernten ein normales Phänomen. Ein Jahr mit schlechten Ernten ist für den Geldbeutel der Landwirte dagegen eigentlich ein gutes Jahr, weil die Verkaufserlöse in Jahren mit niedrigen Erntemengen höher sind. Der Preis ist dann ein Knappheitspreis und kann bei Kartoffeln oder Äpfeln dann mehr als doppelt so hoch sein wie derzeit. Denn, auch wenn die Kartoffeln im Handel doppelt so teuer sind, essen die Verbraucher deswegen kaum weniger Kartoffeln - die weit überwiegende Mehrheit der Deutschen kennt den aktuellen Kartoffelpreis und die dazu gehörige Packungsgröße noch nicht einmal annähernd.

Zur Person

Prof. Dr. Ulrich Hamm ist seit 2003 Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing am Standort Witzenhausen der Universität Kassel und hat zuvor unter anderem eine Agrar-Beratungsfirma betrieben. Hamm ist Mitglied im Bioökonomierat von Bundesbildungsministerium und Bundeslandwirtschaftsministerium sowie im Wissenschaftlichen Beirat für Biodiversität und genetische Ressourcen des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Der 62-Jährige ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in der Gemeinde Gleichen (Landkreis Göttingen). (fst)

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