Beweisführung war schwierig

Totschlag an Grillhütte: Gericht stützt sich auf polizeiliche Aussagen

Hessisch Lichtenau / Kassel. Verteidiger Mutlu Günal, aus Bonn stammend und dem rheinischen Humor nicht eben abhold, konnte sich etwas Süffisanz nicht verkneifen. Schon äußerst oft, sagte der Rechtsanwalt, seien Urteile der Kasseler Schwurgerichtskammer vom Bundesgerichtshof aufgehoben worden.

„Ich gehe davon aus, dass das auch diesmal passieren wird – dieses Gericht steht kurz vor einem Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde!“ Für Günal steht fest: Die Wahrheit, die das Landgericht nach 15 Verhandlungstagen im Prozess um die Bluttat an der Grillhütte „Waldfrieden“ in Hessisch Lichtenau gefunden zu haben meint, ist kaum zu belegen. Das Gericht, rügte er, sei bei seiner Beweiswürdigung nach dem Prinzip „Augen zu und durch“ vorgegangen.

Dass die Beweisführung schwierig ist, wenn die Angeklagten nicht reden wollen und das Opfer nicht mehr reden kann, räumte auch Strafkammervorsitzender Volker Mütze ein. Doch es gebe „viele weitere Bausteine“: Zeugen, die die drei Angeklagten am Tattag in Hessisch Lichtenau gesehen hätten. Und Indizien wie SMS-Nachrichten, Handyfotos oder Anrufe. „Das baut sich zusammen zu einem runden Bild.“

So soll der Hauptangeklagte Sergej B. (28) an jenem Julitag 2013 angekündigt haben, er werde das spätere Opfer Waldemar B. „begraben“ – weil der Mann seine Gattin quäle. Und just nach der Tat führte er ein Telefonat mit der Ehefrau des Getöteten. „Es sind viel zu viele Zufälle“, sagte Mütze.

Der Haken: Wesentlicher Bestandteil des Tatnachweises sind die Aussagen, die die Mitangeklagten Vladimir G. (22) und Alexandr B. (35) bei der Polizei gemacht hatten. Deren Beweiswert hielt das Gericht jedoch selbst für „äußerst gering“ – wegen ihrer Widersprüche, wegen sprachlicher Probleme. Und wegen einer Beeinflussung durch die ermittelnden Polizeibeamten.

Auch das Motiv, das das Gericht annahm und das zur Bewertung der Tat als Totschlag führte, beruhte allein auf diesen Aussagen: Nicht, wie es noch in der Anklage geheißen hatte, weil er eine Liebesbeziehung zwischen seiner Gattin und dem Hauptangeklagten im Wege stand, habe Waldemar B. sterben müssen. Sondern weil er seine Familie so schlecht behandelt habe.

Das Mordmerkmal der „niederen Beweggründe“ sei damit nicht erfüllt, sagte Mütze. Und auch von einem heimtückischen Angriff könne keine Rede sein: Zu den tödlichen Schlägen sei es im Streit gekommen. (jft)

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