Getürkte Autoverkäufe und Scheinrechnungen

Größter Betrugsprozess Nordhessens endet: „Nicht Al Capone von Hessisch Lichtenau“

Kassel. Mit Freiheitsstrafen für die 52 und 49 Jahre alten Angeklagten aus dem Werra-Meißner-Kreis ist gestern einer der größten Betrugsprozesses in Nordhessen zu Ende gegangen.

Das Sündenregister der beiden Angeklagten ist in 170 laufenden Metern Aktenordnern niedergeschrieben: Darin ist der Millionenschaden aufgelistet, den beide vor acht bis zehn Jahren durch getürkte Autoverkäufe, nie zurückgezahlte Privatdarlehen und Scheinrechnungen über mehrere Millionen Euro von 32 Handwerksbetrieben an den Fuldaer Arbeitgeber des 52-jährigen Haupttäters angerichtet haben.

Oberstaatsanwalt Göb sprach in seinem Plädoyer gestern von einem „gigantischen Betrug“, wie ihn Nordhessen bisher kaum erlebt habe. Der heute 52-jährige ehemalige Geschäftsführer der Niederlassung eines Fuldaer Unternehmens in Hessisch Lichtenau sei der Kopf einer riesigen Geldbeschaffungs-Maschinerie gewesen.

Aus prozess-ökonomischen Gründen war die Anklage auf eine überschaubare Fallzahl zusammengedampft worden. Daher wurden nur einige der rund 200 Autogeschäfte, der rund 30 Privatdarlehen und der 1200 Scheinrechnungen angeklagt. Bei den Autoverkäufen nach dem Schneeballsystem summierte sich der im Prozess angeklagte Schaden auf 790.000 Euro, bei den Privatdarlehen auf 310 000 Euro, bei den Betrügereien des Fuldaer Unternehmens auf „nur“ 1,5 Millionen Euro.

Schiere Geldgier ihrer „Kunden“ habe den Angeklagten den Betrug aber auch leicht gemacht, sagte der Ankläger: „Euro-Zeichen in den Augen bei 24 Prozent Zinsen und die teure Status-Karosse vor dem Haus zum angeblichen Schnäppchenpreis – die Opfer waren unglaublich naiv.“

Bei dem offenbar sehr solventen Unternehmen in Fulda habe es praktisch keine Kontrollen gegeben. Die getürkten Rechnungen der 32 Handwerker – alle sind bereits in früheren Prozessen rechtskräftig verurteilt worden – seien anstandslos bezahlt worden.

„Mein Mandant war nicht der Al Capone von Hessisch Lichtenau“, sagte Verteidiger Dieter Keseberg über den 52-Jährigen. Er sei in eine Betrugs-Spirale geraten, in der er später allerdings auch erhebliche kriminelle Energie entwickelt habe.

Aber er habe schon vor Antritt der Haft dafür bezahlt: Job weg, Frau weg, Haus weg, 500.000 Euro Schulden und von ehemaligen Freunden und Nachbarn geächtet.

Der 49-jährige Angeklagte hat nach Auskunft seines Verteidigers Ullrich Goetjes bereits über 80 000 Euro an drei Geschädigte zurückgezahlt. Die unglaubliche Leichtgläubigkeit der Autokäufer habe ihm den Betrug leicht gemacht. Goetjes: „Wenn ein Polizeibeamter glaubt, einen 140 000 Euro teuren neuen Audi R 8 für 74 000 Euro kaufen zu können, dann ist das auch von ihm grob fahrlässig.“ Nebenbei: Den Wagen hat der Polizist nie gesehen.

Goetjes Mandant muss zusätzlich zur Bewährungsstrafe 3200 Euro Geldstrafe und 11.800 Euro ans Finanzamt bezahlen.

Entscheidend für die vergleichsweise milde Bestrafung der beiden Betrüger seien deren umfassende Geständnisse und ihre frühzeitige Beteiligung bei der Aufklärung der Straftaten gewesen, erklärte Richter Winter in seiner Urteilsbegründung.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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