Die Geschichte von Amanda und Robin

Witzenhäuser Metzger schenkte Gans das Leben: Fuchs und Kochtopf überlebt

Liebt seinen alten Gänserich: Bernd Sengstock (59) aus Witzenhausen würde niemals daran denken, seinen Robin zu schlachten. Und das nicht nur, weil der Ganter bereits 24 Jahre alt ist. Fotos: C. Hartung

Witzenhausen. Während heute Tausende ihrer Verwandten knusprig gebraten auf dem Esstisch liegen, watscheln Amanda und Robin über die Wiese und schnattern vergnügt vor sich hin. Alles nur, weil sie einmal einen Fuchsangriff überlebten.

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Die beiden Gänse aus Witzenhausen-Neuseesen haben schon den ein oder anderen Martinstag heil überstanden. Auch vor den Weihnachtsfeiertagen müssen sie nicht um ihr Leben fürchten. Ihr „Ziehpapa“ Bernd Sengstock (59), der Metzger von Beruf ist, verschont die beiden aus einem ganz besonderen Grund.

„Früher hatte ich viele Gänse, ich habe gezüchtet“, erzählt der 59-Jährige. Abends habe er immer alle Tiere in eine Hütte gesperrt, damit sie nicht vom Fuchs geholt werden. „Doch dann kam ich eines Tages etwas später von einer Geburtstagsfeier und hatte die Gänse vorher nicht eingesperrt.“ Als er nach Hause kam traf ihn fast der Schlag: „Alle Gänse waren totgebissen und zerrupft.“ Der Fuchs hatte die Gunst der Stunde genutzt und sich ein ordentliches Abendessen gegönnt. „Alle Gänse waren tot. Überall lagen Federn und Innereien.“ Doch zwei der gefiederten Freunde hatten sich gut versteckt. „Die saßen zusammengekauert nebeneinander im Bach. Die Todesangst stand ihnen noch im Gesicht.“

Diese beiden Gänse behielt der Metzger und ließ ihnen das Leben. „Sie hatten als einzige überlebt. Jetzt sollten sie auch weiter am Leben bleiben.“

Liebt seinen alten Gänserich: Bernd Sengstock (59) aus Witzenhausen würde niemals daran denken, seinen Robin zu schlachten. Und das nicht nur, weil der Ganter bereits 24 Jahre alt ist. Fotos: C. Hartung

Amanda und Robin, wie sie fortan hießen, hatten seitdem die Wiese und den Bach ganz allein für sich. „Nach der Sache mit dem Fuchs, habe ich aufgehört, Gänse zu züchten“, erzählt Sengstock. Nachdem Amanda schließlich das Zeitliche segnete, lebte Robin drei Jahre allein mit seinem Ziehpapa. „In dieser Zeit haben wir eine ganz besondere Bindung zueinander aufgebaut“, sagt der 59-Jährige. Als Sengstock eines Tages nichtsahnend im Garten auf dem Liegestuhl verweilte, trampelten plötzlich zwei Füße auf seinen. „Robin wollte hoch zu mir.“ Und so lag der Gänserich auf dem Schoß seines Ziehpapas und ließ sich die Sonne auf den Schnabel scheinen. Doch Robin sollte nicht weiter ohne Artgenossen leben. „Ich wusste ja nicht, wie viele Jahre er noch vor sich hat.“

Also entschied sich Sengstock, dem Ganter eine neue Gänsedame zu beschaffen. Aber bei ihr wollte es nicht richtig funken. „Ich hatte die beiden über Nacht in die Hütte eingesperrt.“ Doch am nächsten Morgen sei Robins Verabredung einfach davon geflogen. Beim nächsten Date klappte es dann aber und aus der Gänsedame wurde Amanda 2.

Nun lebt das Paar zusammen in Neuseesen. „Gänse bleiben einander ein Leben lang treu“, weiß Sengstock. Und auch die besondere Beziehung zu seinem Ziehpapa vernachlässigt Robin nicht, auch wenn er zum Kuscheln wieder eine Dame hat. „Morgens rennt er mir immer hinterher, dann stellt er sich vor mich und will gestreichelt werden.“ Robin ist mittlerweile 24 Jahre alt. Doch für eine Gans ist das noch gar nichts: 10 bis 15 Jahre kann der Gänserich durchaus noch über die Wiese watscheln. Viele seiner Artgenossen werden während ihres kurzen Lebens wohl nie erfahren, wie sich Gras unter den Füßchen anfühlt.

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