50. Jumbo-Fahrt: Körperbehinderte im Seitenwagen durch Nordhessen

Gemeinsamer Ausflug: Dieses Bild aus dem Jahr 2003 symbolisiert den Charakter der Jumbo-Fahrt treffend. Es zeigt die Familie Innauen aus Felsberg (Schwalm-Eder-Kreis) mit ihrem Mitfahrer Jens Williges bei einer Erfrischungspause unterwegs im Grünen.

Hessisch Lichtenau. Für viele Bewohner des Reha-Wohnheims Haus 21 auf dem Gelände von Lichtenau e.V. in Hessisch Lichtenau ist im Frühjahr ein besonderes Ereignis: Die Jumbo-Fahrt findet statt.

Dazu gehört nicht nur eine erlebnisreiche Ausfahrt in Motorrad-Gespannen durch Nordhessen. Zudem kommt es bei gemeinsamem Frühstück, Mittagessen und einem Abend mit Musik und Tanz zu vielen Gesprächen von Menschen mit und ohne Behinderung - und das in diesem Jahr zum 50. Mal. Am kommenden Wochenende ist es wieder soweit.

Begonnen hatte es 1966, als der Kasseler Motorradhändler Kurt Schirakowski die Idee von Ausflügen mit Behinderten per Gespannen aus den Niederlanden mitbrachte und gemeinsam mit der Orthopädischen Klinik in Hessisch Lichtenau im Mai 1967 erstmals umsetzte.

Diese erste Jumbo-Fahrt in Deutschland überhaupt war noch contergan-geschädigten und allgemein körperbehinderten Kindern und Jugendlichen gewidmet, wozu 50 Motorradfahrer aus allen Teilen der Bundesrepublik und 15 aus den Niederlanden extra angereist waren.

Körperbehinderte Schüler und Lehrlinge der damaligen „Orthopädischen Anstalten Lichtenau“ wurden in den Seitenwagen der Motorräder über Witzenhausen, Immenhausen und Kassel chauffiert, mit Stopps an der Märchengrundmühle bei Laubach, der Waldgaststätte Rinderstall bei Hann. Münden, am Schloss Wilhelmsthal und an der Löwenburg. Zum Abschluss trafen sich alle Teilnehmer am Lagerfeuer auf dem Campingplatz bei Helsa, um hauptsächlich über das Thema Motorrad zu fachsimpeln.

Seither findet traditionell am Samstag nach Himmelfahrt die ganztägige Ausfahrt mit behinderten Menschen statt. Unterwegs laden die Fahrer ihre Passagiere in den Pausen zu Essen und Trinken ein.

Jahrzehnte organisierte der 1997 verstorbene Kurt Schirakowski dieses Treffen. In der Hochzeit in den 1980er-Jahren bestand der Konvoi aus 95 Gespannen, heute sind noch halb so viele mit von der Partie. Und noch immer kommen sozial engagierte Teilnehmer aus den Niederlanden, Belgien und dem gesamten Bundesgebiet. Die Ausfahrt am Samstag ist immer nur der Höhepunkt, es gibt weitere gemeinsame Aktivitäten. So wird beispielsweise Rollstuhl-Basketball gespielt, bei dem die Nichtbehinderten - verständlicherweise - verlieren.

Extra für diese organisatorisch aufwendige, viertägige Veranstaltung wurde Mitte der 1990er-Jahre der Verein Interessengemeinschaft Jumbo-Fahrt Deutschland gegründet. 1000 Stunden wenden Mitglieder und Helfer jährlich ehrenamtlich auf, sagen Vorsitzender Volker Grimm, seit 1971 bei den Jumbo-Fahrten dabei, und Schriftführerin Irene Wernhardt.

Aber es lohnt sich: In den nun 50 Jahren hat sich die Zahl der Teilnehmer, wie sie errechnet haben, auf rund 15 000 summiert, davon ein Drittel Behinderte, denen man nach wie vor stets eine besondere Freude macht. Elisabeth Meibohm, die Leiterin des Zentrums für Integration, bestätigt das: Gerade für Menschen, die mobil eingeschränkt sind und nicht so viele visuelle Eindrücke bekommen, sei die Jumbo-Fahrt ein unvergessliches Erlebnis.

Mehr zum Thema

Kommentare