„Ich habe damals nur die Explosion gehört"

Afghane verlor durch Mine ein Bein und lernt jetzt selbst Orthopädie-Technik

Bei der Arbeit: Nazir Ahmadshah wird im Orthopädietechnischen Zentrum (OTZ) Lichtenau zum Orthopädie-Techniker ausgebildet. Mit acht Jahren trat er beim Spielen in seinem Heimatland Afghanistan auf eine versteckte Mine und verlor ein Bein. Mit seiner Ausbildung möchte er in Afghanistan anderen Opfern helfen. Fotos:  Bülau

Hessisch Lichtenau. Als Achtjähriger verlor Nazir Ahmadshah durch eine Mine ein Bein. Jetzt lässt sich der junge Afghane in Hessisch Lichtenau zum Orthopädie-Techniker ausbilden.

Er will damit anderen helfen. Nazir Ahmadshah war acht Jahre alt. In Kabul, in seiner Heimat Afghanistan, spielte er mit seinem großen Bruder und seinen Cousinen vor dem Haus seiner Eltern. Er trat auf eine versteckte Mine. Dabei wurde sein linker Unterschenkel abgerissen, das rechte Kniegelenk zertrümmert.

„Ich habe damals nur die Explosion gehört. Mein Bein habe ich sofort verloren. Ich wollte aufstehen, aber mein Bruder sagte, dass ich nicht aufstehen könne. Er hat meine Mutter geholt. Die hat mich dann ein paar Schritte gestützt und ist ohnmächtig geworden. Ich kann mich noch an den Weg zum Krankenhaus erinnern. Danach ist alles weg“, erzählt Nazir Ahmadshah.

Die Folgen für den heute 24-Jährigen: Bis vor einigen Monaten muss er immer wieder operiert werden. Dafür kommt er nach Deutschland. Das erste Mal 1999. „Ich wurde hier operiert und habe Prothesen bekommen.“ Die medizinischen Versorgungsmöglichkeiten seien in seinem Heimatland nicht ausreichend. Dabei gebe es durch Krieg und Attentate viele Opfer, die auf diese Hilfe angewiesen seien. Alleine in Kabul habe es in den letzten Monaten 22 Selbstmordanschläge gegeben. „In den Nachrichten hört man immer, dass zwei oder drei Leute gestorben sind. Ich weiß von meiner Familie, dass dann jedes Mal mindestens 20 Menschen getötet wurden,“ sagt der 24-Jährige.

Aus diesem Grund beschließt Ahmadshah, etwas aus seinem Schicksal zu machen: Er möchte Opfern, die ähnliche Verletzungen wie er selbst erleiden mussten, eine Möglichkeit geben, direkt in Afghanistan versorgt zu werden. Dafür will er sich in Deutschland zum Orthopädie-Techniker ausbilden lassen. Der Weg dorthin ist allerdings nicht einfach: „Es hat eine lange Anlaufzeit benötigt. Die größten Probleme hatte ich mit dem Arbeitsamt und der Botschaft“, berichtet Ahmadshah. Man habe ihm zunächst das Visum verweigert, da man ihm vorwarf, zwischendurch in Italien gewesen zu sein. „Das hat aber nicht gestimmt“, sagt der 24-Jährige.

Er nahm Kontakt zu einer Reporterin aus Recklinghausen auf. Als diese bei der Botschaft nachhakte und die entsprechenden Dokumente einsehen wollte, bekam er das Visum doch. Über die Organisation „Kinder brauchen uns“ kam er schließlich zum Orthopädietechnischen Zentrum Lichtenau, wo er seit dem 17. September 2014 kostenlos ausgebildet wird. Der Lebensunterhalt wird von Spenden und „Kinder brauchen uns“ bezahlt, wohnen tut Ahmadshah, wie alle anderen Auszubildenden, im Internat.

Nach dem Abschluss der Ausbildung möchte Nazir Ahmadshah zurück nach Afghanistan. Aus Liebe zu seiner Familie und um seinen Landsleuten zu helfen.

Von Maximilian Bülau 

Hintergrund

Das Orthopädietechnische Zentrum (OTZ) Lichtenau arbeitet eng mit dem Rehabilitationszentrum Lichtenau zusammen. Dort kann man sich zum Schuhmacher, Orthopädie-Schuhtechniker oder Orthopädie-Techniker ausbilden oder umschulen lassen. Die Ausbildung von Menschen mit Behinderung gehört dabei zum Programm des Unternehmens. (mhb)

Kontakt: Am Mühlenberg 12; 37235 Hessisch Lichtenau; E-Mail: info@otz-lichtenau.de; Tel. 0 56 02 /83 18 80.

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