Plötzlich ist alles anders

Ingo Vaupel aus Bad Sooden-Allendorf lebt mit der Diagnose ALS

Spezialist für Nervenkrankheiten: Dr. Edgar Bollensen, Chefarzt der Neurologie im Klinikum Werra-Meißner (rechts) stellte bei Ingo Vaupel die Diagnose ALS. Unser Bild stammt aus dem Frühjahr. Ingo Vaupel wollte nicht fotografiert werden. Foto: Sagawe

Bad Sooden-Allendorf. Seit Wochen kursieren im Internet Videos der so genannten „Icebucket Challenges“, bei denen sich Menschen einen Eimer Eiswasser über den Kopf schütten. Die Idee hinter der Aktion: auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam machen. Ingo Vaupel aus Bad Sooden-Allendorf erhielt die tragische Diagnose vor einem Dreivierteljahr im Klinikum Werra-Meißner.

Die Klingel am Haus der Vaupels in Bad Sooden-Allendorf ist kaputt. Auf einem Zettel werden Gäste gebeten, einfach einzutreten. Die Reparatur wäre noch vor einem Jahr kein Problem für Ingo Vaupel gewesen. Doch heute kann der 50-Jährige keinen Schraubenzieher mehr vernünftig halten. Er leidet an amyotropher Lateralsklerose, besser bekannt als ALS.

 Am Anfang war es ein komischen Gefühl im rechten Bein beim Treppensteigen. Dazu gab es Probleme beim Greifen mit der Hand. „Das wird schon wieder weggehen“, dachte Vaupel damals. Das war im November 2012. Weil die Probleme aber eben nicht nachließen, suchte er im Sommer erstmals einen Neurologen auf, im Herbst begab er sich bei Dr. Edgar Bollensen, dem Leiter der Neurologie im Klinikum Werra-Meißner in Behandlung. Drei Tage untersuchte der Arzt Vaupel stationär. „In der Zeit sind wir noch von Multipler Sklerose ausgegangen, die Symptome dafür kannten wir von einem Fall im Bekanntenkreis“, sagt Vaupels Frau Martina.

Die endgültige Diagnose erfuhr das Ehepaar im Dezember. „Am 22.“, erinnert sich Ingo Vaupel, „da sind wir aus allen Wolken gefallen.“ Seitdem hat sich im Leben der Familie – das Paar hat zwei Töchter im Alter von 13 und 18 Jahren – viel geändert. Viermal pro Woche geht Ingo Vaupel zu Therapien: Krankengymnastik, Sprechtraining und Ergotherapie. Besonders zu schaffen macht die Aussichtslosigkeit. „Man steht blöd da“, sagt Martina Pfordt-Vaupel, „alle sagen, ‘man kann nix machen’. Das muss man erstmal schlucken.“

Die körperlichen Einschränkungen kommen langsam, aber sie sind bemerkbar. In der rechten Hand hat Vaupel eine Spastik. Flaschen aufdrehen geht nicht mehr, zum Zähneputzen benötigt er eine elektrische Zahnbürste. Spazierengehen mit Familienhund Lucky – unmöglich. Wegen der Schwächung in den Beinen, kann Vaupel das Gleichgewicht nicht halten, wenn das Tier an der Leine zieht. Weil er Schwierigkeiten hat, Stifte zu halten, ist der Kaufmann inzwischen krankgeschrieben.

Alles kein Grund für Vaupel sich zurückzuziehen. Lieber setzt er sich mit der unausweichlichen Zukunft auseinander. Er macht sich Gedanken über einen Hausumbau, barrierefrei mit Treppenlift. Das Schlafzimmer muss im Haus nach unten verlegt werden. Auch der Tod ist kein Tabuthema.

Weil die Krankheit so unberechenbar ist, ist ständiges Umdenken gefragt. „Ich muss immer testen, was ich noch kann und was nicht“, sagt Ingo Vaupel. Einigeln will er sich trotz der tödlichen Krankheit nicht und sagt: „Ich bin auch jetzt noch Optimist.“

Von Lasse Deppe

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