Ausstellung „Der weiße Strich“ im Grenzmuseum Schifflersgrund zu DDR-Kunst

Provokation an der Mauer

Infos auch über Kopfhörer: Museumsleiter Wolfgang Ruske in der Ausstellung „Der weiße Strich“, die noch bis Ende September zu sehen ist. Foto: Keller

Asbach/Bad Sooden-Allendorf. Wer Mauer und Grenze zu nahe kam, riskierte Leib und Leben: Bei „Grenzverletzungen“ verstanden die DDR-Organe keinen Spaß. Das mussten auch fünf junge Männer aus West-Berlin erfahren, die am 3. und 4. November 1986 eine Kunstaktion an der Mauer starteten.

Das Quintett, ursprünglich in Weimar beheimatet, wollte die gesamte Mauer mit einem gut sichtbaren weißen Strich versehen. Protest gegen die Mauermalerei vieler unbekannter Künstler, in der die Gruppe eine Verharmlosung des Bauwerks erblickte. Und die Aktion sollte das begrenzte Leben der West-Berliner verdeutlichen.

Über die Mauermaler informiert bis Ende September eine Ausstellung der Gedenkstätte Bautzen im Grenzmuseum Schifflersgrund, die am Wochenende eröffnet wurde. Die moderne Präsentation besteht aus Bildkarten, Videos und Hörstücken. Hinzu kommen die Kopien zahlreicher Dokumente der DDR-Behörden und des Staatssicherheitsdienstes.

Maskierte Mauermaler

Die Mauermaler trugen bei ihrer Aktion Masken, um sich unkenntlich zu machen. Die DDR ließ sich das Treiben nicht lange bieten - am zweiten Tag versteckten sich Grenzsoldaten im Unterholz im Bereich Tiergarten. An vielen Stellen hatten die Sperranlagen Öffnungen - Schleusen für eigene Agenten und Grenzwächter. Der Maler Wolfram Hasch erreichte als Erster die Höhe des Verstecks - und wurde von den Soldaten festgenommen. Daraufhin brach die Gruppe ihr spektakuläres Projekt ab. Hasch wurde zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt und sollte sie in der Strafanstalt Bautzen absitzen. Im Juni 1987 wurde er vorzeitig von der Bundesrepublik freigekauft.

Museumsleiter Wolfgang Ruske wies bei der Eröffnung darauf hin, dass der Vorgang die Geschichte von fünf Freunden ist, die sich als jugendliche Punks im sozialistischen Weimar kennengelernt hatten. Anfang der 80er Jahre war die Szene ins Blickfeld der Stasi geraten, wie Spitzelberichte über Treffen und Veranstaltungen dokumentieren. Akribisch wurden Gespräche aufgezeichnet, Protokolle konnte die Stasi-Unterlagenbehörde sichern, sie sind Teil der Ausstellung. Die Stasi agierte frühzeitig nach Geheimdienst-Manier und schleuste einen Informanten in die Gruppe. Das stellte sich jedoch erst später nach der Rekonstruktion des Geschehens heraus. Die „Firma“ hatte Augen und Ohren überall, auch in der Subkultur.

Grenzmuseum Schifflersgrund, geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr.

Von Werner Keller

Kommentare