Als Spion im Kalten Krieg unterwegs: Ex-Geheimagent besuchte Grenzmuseum

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Lesung im Grenzmuseum: Werner Juretzko, Amerikaner mit deutschen Wurzeln und Ex-Agent.

Bad Sooden-Allendorf/Sickenberg. Als Erwachsener spionierte er für die Amerikaner: Im zarten Alter von 14 Jahren wollte Werner Juretzko gemeinsam mit seiner Schwester die noch durchlässige grüne Grenze nach Hessen im südlichen Eichsfeld überqueren. Russische Posten schnappten das Paar und setzten es fest. Im Grenzmuseum erzählter er jetzt seine Geschichte.

Im Keller des Kommandanturgebäudes in Großtöpfer (gegenüber Frieda) machten beide Furchtbares durch, wurden gequält und misshandelt. Werner musste zusehen, wie seine Schwester von den Russen vergewaltigt wurde. Das war 1946.

Das Erlebte hat den Mann bis heute geprägt - er bekam einen Rochus auf Russland. Nach einer abermaligen abenteuerlichen Flucht in den Westen trat der heute 82-Jährige in den Dienst der Amerikaner. Der junge Mann war aus einem fahrenden Zug im Abschnitt Mühlhausen-Treffurt abgesprungen, der eine kurze Strecke durch die US-Zone fuhr. Er lief einer US-Streife direkt in die Arme, berichtete der rüstige Senior aus den USA bei einem Besuch des Grenzmuseums Schifflersgrund.

Die Schwester starb an den Folgen einer ansteckenden Krankheit, die sie sich mutmaßlich in russischem Gewahrsam zugezogen hatte. Sie wurde in Eschwege begraben. Er hatte sich geschworen, ihren Tod zu rächen.

Im Auftrag der Amerikaner forschte der Mann später Kampfflugzeuge der sowjetischen Armee aus. Bei einer solchen Aktion wurde er 1955 in Mecklenburg von den Russen festgenommen und dem Staatssicherheitsdienst der DDR übergeben. Nur knapp entging der Agent der Hinrichtung - 46 US-Spione starben allein in einem Dresdner Gefängnis durch das Fallbeil. Werner wurde zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt, kam aber vorzeitig frei.

Werner Juretzko heute: ein unauffälliger, untersetzter Mann mit leicht englischem Akzent bei der deutschen Sprache, der so gar nichts von einem James Bond an sich hat. Seine Erlebnisse hat er in dem Buch „Die Nacht begann am Morgen“, Aufstieg und Fall eines westlichen Geheimagenten, geschildert (295 Seiten/19,90 Euro), erschienen 2009.

Spionage hält Juretzko für legitim - „für eine bessere Welt“. Mit Blick auf den 53. Jahrestag des Mauerbaus in Berlin sagte er, die Welt habe am Rand eines Krieges gestanden: „Panzer standen sich am Checkpoint-Charly gegenüber. Und jeder Krieg beginnt mit einem ersten Schuss.“ (wke)

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