Interview mit Schirmherrin Dr. Marion Saur

Jahrestagung der Gesellschaft für Paraplegie: Im Team zum Therapie-Erfolg

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Team aus Ärzten, Therapeuten, Pflegekräften und Patienten: Vorn von links Marc Dockenfuß, Alexander Löffler und Manfred Stukowski, hinten von links Physiotherapeut Guntram Jäger, Barbara Käse vom Sozialdienst, Ergotherapeutin Ulrike Pfetzing, Katja Wölfel vom Sozialdienst, Physiotherapeutin Katja Feldhaus, Psychologin Andrea Volland und Dr. Marion Saur, Chefärztin des Querschnittgelähmtenzentrums der Orthopädie Lichtenau e.V. , Schirmherrin des 28. Paraplegie-Kongresses.

Hessisch Lichtenau. Dr. Marion Saur, Chefärztin des Querschnittgelähmtenzentrums der Orthopädie in Hessisch Lichtenau, steht im HNA-Interview Rede und Antwort zum Thema Querschnittlähmung.

Am Mittwoch beginnt bei Lichtenau e.V. die Jahrestagung der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegie. Schirmherrin und zweite Vorsitzende ist Dr. Marion Saur, Chefärztin des Querschnittgelähmtenzentrums der Orthopädie in Hessisch Lichtenau. Wir sprachen mit ihr über das Thema Querschnittlähmung, was die Tagung Patienten und Medizinern bringt und was die Arbeit mit seelisch traumatisierten Menschen bedeutet.

Frau Dr. Saur, das Leitmotiv der Tagung heißt „Querschnittlähmung ohne Trauma“. Was bedeutet das genau? 

Dr. Marion Saur: Viele denken beim Stichwort Querschnittlähmung direkt an einen Unfall als Auslöser. Tatsächlich ist es aber so, dass viele Patienten mit Querschnittlähmung gar keine Verletzung von außen erlitten haben, sondern eine andere Erkrankung Ursache der Probleme ist, zum Beispiel ein großer Bandscheibenvorfall, Krebs mit Knochenmetastasen, die auf das Rückenmark drücken, oder Entzündungen in der Wirbelsäule.

Sind es vor allem diese Patienten, die sie vor Ort behandeln? 

Saur: Ja, genau. Patienten mit einem Berufsunfall werden meist in große Berufsgenossenschaftliche Unfallkliniken in Hamburg oder Frankfurt eingewiesen und sind in Lichtenau eher selten. Wir wollen während der Tagung bewusst ein Augenmerk auf die Patienten ohne Trauma richten, die wir in erster Linie betreuen. Uns ist es wichtig, mehr Wissenschaftlichkeit in die Therapiekonzepte reinzubringen, und Leitlinien und Empfehlungen für die Behandlung zu erarbeiten.

Wie soll das konkret aussehen und was bringen hierfür Tagung und Kongress? 

Saur: Sie bieten die Möglichkeit, uns interdisziplinär im Team auszutauschen. So können wir Ansätze und Methoden verschiedener Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte nutzen. Es ist für die Patienten, die meist an Begleiterkrankungen leiden, sehr wichtig, dass wir Mediziner über den Tellerrand schauen, unsere Grenzen erkennen und spezialisierte Kollegen bei der Therapie zu Rate ziehen.

Also weg von den alten Hierarchien? 

Saur: Ja, das frühere Hierarchie-Modell wird immer mehr zu einem Team-Modell. Ich vergleiche das mit einem Zehnkampf: Man ist nicht nur Experte in einer Disziplin, sondern muss verschiedene Themenfelder überblicken und die entsprechenden Kollegen ins Boot holen. Das Team-Modell bezieht sich aber nicht nur auf Ärzte untereinander, sondern auch auf Arzt und Patient. Heute gehen wir viel offener mit Themen wie beispielsweise Inkontinenz um, die früher schambesetzt waren. Der Dialog hat sich verändert.

Experten welcher Fachbereiche sollten beim Thema Querschnitt zusammenarbeiten? 

Saur: Ein Mensch mit Querschnittlähmung hat nicht nur Bewegungseinschränkungen. Er hat, je nachdem wie hoch die Lähmung ist, kein Gefühl mehr in der Muskulatur der Beine, der Arme, des Bauch- und Brustraums, also auch nicht für die Funktion von Blase und Darm. Manche können nicht richtig atmen, schlucken und sprechen. Zu unserem Team gehören deshalb Orthopäden, Unfallchirurgen, Lungenfachärzte, Neuro-Urologen, Neurologen, HNO-Ärzte, Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Pflegekräfte, Sozialarbeiter und Psychologen.

Was ist eigentlich mit der Seele der Patienten? 

Saur: Ein seelisches Trauma erleidet jeder Mensch mit Querschnittlähmung. Denn das verändert das ganze Leben. Die Patienten reagieren sehr unterschiedlich. Manche wollen nicht mit einem Psychologen reden, reagieren anfangs wütend und aggressiv, andere depressiv. Der Umgang mit ihnen ist auch für das behandelnde Personal nicht einfach. Vor unseren Augen spielen sich oft dramatische Szenen ab. Eltern und Kinder, die sich anschreien, und Ehepaare, die ihre Scheidung erklären. Das schüttelt man als Arzt oder Therapeut nicht einfach ab, der psychosoziale Druck ist oft groß.

Gibt es deshalb vergleichsweise wenig Experten für Querschnittlähmung? 

Saur: Es ist richtig, dass der Querschnitt in der Medizin ein Nischendasein fristet. Warum gibt es keine Focus-Liste mit Querschnitt-Zentren? Weil er eben nicht im Fokus ist! Es liegt aber auch an den geringeren Fallzahlen als in der Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie. Und was die Psyche der Behandler angeht: Natürlich ist es schöner, wenn ein Patient mit neuer Hüfte glücklich und mit einem Lob die Klinik verlässt, weil er wieder besser laufen kann. Bei Querschnittpatienten ist das verständlicherweise anders. Sie sind nicht dankbar, dass sie hier waren, sondern sauer, weil sie trotzdem nicht laufen können.

Was soll die Tagung für Lichtenau e.V. bringen? 

Saur: Neue Forschungsergebnisse werden vor Ort präsentiert und alle können daraus lernen. Spannend für mich sind Außenseiterthemen wie die Tetra-Hand. Hier geht es darum, Menschen mit hoher Lähmung zu helfen, Restfunktionen ihrer Hände zu nutzen, zum Beispiel durch Muskelverpflanzung. Und natürlich ist die Tagung eine Chance zu zeigen, dass Lichtenau e.V. zwar ein kleines Zentrum ist, aber wissenschaftlich am Puls der Zeit arbeitet.

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