Mit Tradition und Spucke

Witzenhäuser Kautabakfabrik ist die letzte in Deutschland

Riechen, Fühlen, Schmecken: Aus Tabakblättern (Inhaber Bernd-Otto Kruse) wird saftiger Kautabak. Die Verwandlung zum Priem dauert rund drei Monate.

Witzenhausen. Ist der erste Priem gekaut und ausgespuckt, scheint es durchaus vorstellbar, dass Witzenhausens Tabakkönig auch in den USA Eindruck schinden kann. Laut Bernd-Otto Kruse schwärmen die US-Freunde des „spit tobacco" vom harten Tobak aus Witzenhausen. „Darf es eine Probepackung sein?"

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Am Freitag, 5. September, öffnet die Fabrik für Besucher zwischen 9 und 12 Uhr. Informationen unter: www.krusekautabak.de

Informationen zu weiteren Veranstaltungen am Blauen Sonntag: www.blauer-sonntag.de

Marketing ist wichtig für Kruse. Der 67-Jährige ist Inhaber der letzten Kautabak-Fabrik, die in Deutschland überlebt hat. Vor 165 Jahren wurde sie in Nordhausen gegründet. Grimm & Triepel beschäftigte einst 1800 Arbeiter, galt als Europas Kautabak-Imperium. Heute riecht es nach Rosmarin und altem Holz in dem sanierten Fachwerkhaus in Witzenhausen. Drei Frauen drehen an einem Arbeitstisch an Marschall-Schnecken für 3,70 Euro. Am 5. September öffnet die Firma ihre Tore zum Blauen Sonntag.

„An fehlender Werbung liegt es nicht, dass der Umsatz stagniert“, sagt Kruse. Reporter großer deutscher Medienhäuser gingen in den vergangen Jahren ein und aus - Frankfurter Allgemeine, Die Zeit, Hessischer Rundfunk. Magazinfotografen kamen mit der Hoffnung auf Motive aus vergangenen Industrietagen. Für Tabak-Kenner ist Grimm und Triepel das, was Lothar Matthäus am Ende seiner Nationalmannschafts-Karriere für Fußballfans war: der letzte Dino seiner Art, fleißig und fast museumsreif.

„Selbst in den USA schreiben Magazine über uns“, sagt Kruse. Alle paar Jahre fliegt der Fabrikinhaber ins Land der Cowboys, macht Urlaub und schaut nebenbei, was die Konkurrenz treibt. In den USA machen Firmen noch ein gutes Geschäft mit „spit tobacco“, Schüler und College-Jungs lassen dafür viele Dollars im Wal-Mart und an der Tanke.

Anders in Deutschland: Bergarbeiter und Seeleute stellten das Hauptklientel der Kautabakfirmen. Glühende Zigaretten waren auf Schiffen und unter Tage verboten, der Kautabak in der Backentasche sorgte für Nikotin und Speichelfluss - wichtig für staubige Arbeiten im Bergwerk. „Doch in den vergangenen Jahren wurden viele Bergwerke geschlossen, vor allem im Saarland. Wir haben viel Kundschaft verloren“, sagt Kruse. Vor fünf Jahren lag der Firmenumsatz bei 300.000 Euro, heute ist es weniger. Die Popularität des Kautabaks unter jungen Amerikanern sei vor allem eine „Marketing-Geld-Frage“, sagt Kruse. Profi-Werbung, die mit Cowboy- und Baseballklischees spiele, hielten das Produkt attraktiv. Allein in Kalifornien gaben Konsumenten im Jahr 2010 mehr als 200 Millionen Dollar für rauchfreie Tabakprodukte aus, berichtete die Los Angeles Times.

„Vielleicht hat ein Produkt einen Lebenszyklus, der irgendwann zu Ende geht“, sagt Kruse, wenn er an seine deutschen Kunden denkt. Dabei bleibt ihm die Hoffnung, dass strengerer Nichtraucherschutz sich gut auf sein Geschäft niederschlägt. „Fußballstadien, Flugzeuge, Kreuzfahrtschiffe. Dort könnten wir eine Chance haben.“ Schließlich, sagt der letzte Tabakkönig, habe auch der Braunschweiger Schnaps Jägermeister die Kurve vom Altherren- zum Jugendgetränk gekriegt.

Von Jan Schumann

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