Ab wann ist ein Dorf ein Dorf?

In Sorge: Anna-Gertrud Siekmann (Ortsbeirat) und Roberto Keller (Mitarbeiter des Seminarzentrums Parimal) im Innenhof des Meditationszentrums, das Sinnsuchern Ruhe und Besinnung bietet. Hier und im zugehörigen Café arbeiten 20 Menschen. Die Hübenthaler fürchten, dass bei der Ausweisung von ESW 02 (siehe Grafik) Windräder auf 600 Meter an den Weiler heranrücken. Foto: Steensen

Hübenthal. Der Teilregionalplan Energie sieht vor, dass Windräder bis auf 600 Meter an Hübenthal heranrücken dürfen. Damit sind die Bewohner so gar nicht einverstanden.

Dass sich ab Sommer 2016 die fünf Berlepsch’en Windräder westlich von Hübenthal drehen werden - damit hat sich der Ortsbeirat abgefunden. Aber dass rund um den Ort im neuen Teilregionalplan Energie noch weitere mögliche Standorte auf dem Steimel sowie im Wald östlich von Schloss Berlepsch in nur 600 Meter Entfernung ausgewiesen werden - das geht den Bewohnern des Weilers zu weit.

Besonders empört sind sie, weil das Regierungspräsidium (RP) in ihren Augen zu sehr auf Definitionen pocht, statt sich am Wohl der Menschen zu orientieren, sagt Anna-Gertrud Siekmann vom Ortsbeirat. Dabei dreht sich alles um die Frage, ab wann eine Ansiedlung als Dorf gilt. Hübenthal hat 92 Einwohner, viele Menschen suchen zudem im örtlichen Meditationszentrum Parimal Ruhe und Besinnung.

Die Stadt Witzenhausen behandelt Hübenthal wie andere Ortsteile, es gibt einen Ortsbeirat und ein zuständiges Magistratsmitglied. Das Problem: Die Bewohner haben Wirtschaftsgebäude des Gutes zu Wohnungen umgebaut. Deshalb ist Hübenthal nur 2,5 Hektar groß und gilt damit nach Definition des Regierungspräsidiums als Weiler. Im Nachbarort Albshausen leben zwar nur 60 Menschen - aber auf 5,2 Hektar. Das gilt als Siedlung, zu der ein Mindestabstand von 1000 Metern für Windräder eingehalten werden muss. 18 Hübenthaler haben kurz vor Ende der Einspruchsfrist Unterschriften im RP abgegeben. Im Gespräch mit den Mitarbeitern habe sich die Hoffnung auf eine Ausnahme von der 600-Meter-Regel zerschlagen, berichtet Siekmann. „Man kann das Verhalten des RPs nachvollziehen“, sagt die Ortsbeirätin. „Die Mitarbeiter halten sich eben an ihre Vorschriften.“ Aufgeben wollen die Hübenthaler trotzdem nicht. Sie versuchen es nun „auf der politischen Schiene“. Weil sie Angst haben, dass die zur 2. Offenlegung abgegebenen Stellungnahmen keine Beachtung finden, wendet sich der Ortsbeirat nun in einem Brief direkt an den Minister für Wirtschaft, Verkehr, Umwelt und Landesentwicklung, Tarek Al-Wazir (Grüne). Auch 35 Mitglieder der Regionalversammlung, die über den Plan entscheidet, wollen die Hübenthaler um Hilfe bitten.

Mit diesen Argumenten wollen die Hübenthaler punkten: 

In ihrem Brief an den hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Bündnis 90/Die Grünen) führen die Hübenthaler viele Argumente auf, warum auch bei ihrem Weiler eine 1000-Meter-Grenze für Windräder gelten sollte.

• Der Ortsbeirat hat - auch gegen den Widerstand vieler Einwohner - den Windrädern an der Autobahn 7 zugestimmt. „Wir haben unseren Beitrag zur Energiewende bereits geleistet“, sagt Anna-Gertrud Siekmann. Man sei von der dezentralen Stromversorgung überzeugt, aber nicht um jeden Preis.

• Die Bevölkerungszahl von Hübenthal ist stabil, während andere Orte Einwohner verlieren. Laut Siekmann sind 50 Menschen, die einst wegen des Meditationszentrums kamen, mangels Wohnungen in umliegende Orte gezogen. Hübenthal trage so zum Wohl aller Orte bei.

• Durch Infraschall und Lärm der Windräder würde das Meditationszentrum Parimal mit seinem Tagungshausbetrieb in seiner Existenz gefährdet. Hier arbeiten 20 Voll- und Teilzeitkräfte, 2500 Besucher kommen im Jahr. Der Jahresumsatz: 400 000 Euro.

• Es sei nicht erforscht, welche Folgen Lärm und Infraschall auf ein Dorf haben könnten, das auf 220 Grad von Windrädern umzingelt wäre.

• Es ist für die Hübenthaler nicht nachvollziehbar, warum ein Ort mit 92 Einwohnern kein Siedlungsgebiet sein soll. Menschen - nicht nur Kulturdenkmäler - sollten bei Einzelfallprüfungen berücksichtigt werden.

• Hübenthal ist de facto Ortsteil von Witzenhausen, das Ortsschild ist gelb nicht grün, wie bei anderen Weilern.

• Auch die Stadt tritt in ihrer Stellungnahme für einen 1000-Meter-Radius ein.

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