Zeit zum Deuten und Orakeln: Jetzt herrschen wieder die Raunächte

Sagengestalt: Unser Bild zeigt Freya, die Göttin der Fruchtbarkeit aus der germanischen Mythologie, sie gilt als Ursprung der Frau-Holle-Sage. Foto:  nh

Hessisch Lichtenau. Die rauen Nächte, in denen Frau Holle mit der wilden Jagd über das Land reist, sind die Zeit zwischen den Jahren. Wir erklären, was es damit auf sich hat.

Sie beginnen nach dem Jul-Fest zur Wintersonnenwende und reichen bis zum sechsten Hartung, dem sechsten Tag im neuen Jahr, der auch als der höchste Festtag der Frau Holle gilt. Passend zu dieser Zeit erzählt Edda Friedrich am Sonntag, 28. Dezember, ab 18 Uhr im Ratskeller in Hessisch Lichtenau Geschichten von Bräuchen und Orakeln aus dieser Zeit

Unter dem Titel „Mit Frau Holle durch die Raunacht“ gibt sie Einblicke in die zwölf Raunächte beginnend mit der ersten Nacht am Heiligen Abend, der „Mutternacht“ bis zur letzten Raunacht am 5. Januar. Diese Nacht ist wieder eine besondere Nacht, die Perchten-Nacht. Die Alten benutzten jede dieser Raunächte für einen Monat des Jahres zum Deuten und Orakeln.

Somit steht die erste Raunacht für den Januar, die zweite für den Februar und so fort. Sie beobachteten alles: Wetter, wie das Essen geschmeckt hat, ob gestritten wurde oder ob es friedlich zuging. Ob an diesem Tag alles glatt lief oder es Probleme gab. Alles, auch das noch so Unwichtige, hatte eine Bedeutung. Und wer es verstand, der konnte den dazugehörigen Monat im Vorhinein deuten.

Im Werra-Meißner-Kreis wird Frau Holle als Schutzpatronin der Raunächte gesehen. Zu ihren Aufgaben gehört auch, die Spinnstuben zu inspizieren. Dabei begutachtet sie das Werk, unterstützt die Fleißigen, indem sie ihnen beim Spinnen hilft oder magische Spulen schenkt, die niemals leer werden. Sie bestraft aber auch die Faulen, indem sie deren Spinnereien besudelt oder zerhackstückelt.

Doch auch für Tiere hat diese Mittwinter-Zeit eine besondere Bedeutung. Deshalb werden die Raunächte auch Wolfsnächte oder Wolfs-Monde genannt, weil Wölfe einst zu dieser Jahreszeit besonders nahe an die menschlichen Siedlungen herankamen.

Vielen war der Aberglaube bekannt, dass zwischen den Jahren nicht gewaschen werden sollte. Der Hintergrund war ihnen aber nicht bewusst: Früher wurde die Wäsche immer draußen getrocknet. Auf der Suche nach der Sonne, deren Licht das neue Jahr wieder beleben möge, beziehungsweise auf der Jagd nach dem Sonnenhirschen (Lichtbringer), nimmt der Sage nach das Wilde Heer auf seinem Zug die Seelen der zu früh gestorbenen Kinder auf, die dann mit der hulden Führerin im Winter über den Meißner ziehen, um im Frühjahr im Holle-Schloss am Grunde des Holle-Teiches auf ihre Wiedergeburt zu warten. In der Zeit der Raunächte sollte deshalb keine Wäsche getrocknet werden. Denn verfing sich der wilde Zug auf der Jagd nach dem Sonnenhirschen darin, hatte man das Unheil für das kommende Jahr angezogen.

In der Pause reicht Edda Friedrich Kostproben mit Holundergelee, da der Holunder auch eine Pflanze der Frau Holle ist. Der Eintritt kostet fünf Euro. Kinder zahlen 2,50 Euro. (alh)

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