Als Bacchus zu Gast war: Wein hat in Jestädt Tradition

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Geeignet für den Weinanbau: Heinrich Hogelucht zeigt das Tuffstein-Gebiet in den Weinbergen von Jestädt, in dem für den Anbau der Rebstöcke beste Bedingungen vorliegen.

Jestädt. Wein aus Jestädt? Den gibt es tatsächlich, aber nur in kleinen Mengen. Hobbywinzer Holger Wieditz pflegt damit eine alte Tradition und produziert jedes Jahr einige wenige Flaschen Weiß-, Rot- und Roséwein. 

Seltene Kostbarkeit: Hobbywinzer Holger Wieditz produziert nur wenige Flaschen Wein pro Jahr.

"Wein, Weib und Gesang, davon träumten die Menschen tausend Jahre lang“, sagt Heinrich Hogelucht und schmunzelt. Mit diesen Worten hatte der 78-jährige Hobby-Historiker aus Jestädt vor Kurzem seinen Vortrag über den Weinanbau in Jestädt eröffnet. Wein in Jestädt? „Aber natürlich“, sagt Hogelucht und verweist auf die lange Weintradition in Deutschland: „Vor rund 2000 Jahren haben die Römer den Wein nach Deutschland gebracht, vorher kannten die Germanen ja nur ihren Met“, sagt Hogelucht. Kam die Weintradition der Römer zunächst nur bis zum Limes, so breitete sie sich allmählich in Deutschland und auch in Hessen aus. „Seit etwa 1000 Jahren wird im Werratal Wein angebaut“, sagt Hogelucht. Zum ersten Mal nachweislich im thüringischen Dorndorf an der Werra im 8. Jahrhundert.

In Jestädt bot das Tuffsteingebiet in Richtungen Albungen die besten Voraussetzungen für den Weinanbau. „Und die Mittelgebirge wie die Gobert und die Hörne haben den kalten Wind abgehalten, sodass die Rebstöcke geschützt standen“, sagt Hogelucht.

Tradition fortgesetzt. Familie Glitz-Hölzerkopf hat jüngst in ihrem Garten an den Weinbergen Rebstöcke gepflanzt, um die Jestädter Weintradition fortzusetzen.

Über mehrere Jahrhunderte wurde in den Jestädter Weinbergen der edle Rebensaft angebaut. „Im Jahr 1584 zum Beispiel haben die Eschweger Klöster, zu denen die Jestädter Weinberge teilweise gehörten, zwölf Fuder Wein geerntet“, sagt Hogelucht. Umgerechnet entspricht dies etwa 12 000 Litern. Eine im Vergleich zu den großen Weinanbaugebieten sehr kleine Menge. „Sogar in Allendorf wurden zu dieser Zeit etwa 100 Fuder geerntet“, sagt Hogelucht. Auch die Qualität der Weine aus der Region soll nicht immer die allerbeste gewesen sein, weshalb der Wein auch den Beinamen Drei-Herren-Wein bekam. „Einer hielt den Trinkenden fest, einer hielt den Mund auf und einer schüttete – so sauer soll der gewesen sein“, sagt Hogelucht und lacht.

 Denn so schlecht könne der Wein nicht gewesen sein, so soll er beispielsweise über die Verwandtschaft des Landgrafen von Hessen-Kassel zur britischen Krone bis ans englische Königshaus gekommen sein. Für Jestädt kann man nachweisen, dass im Jahr 1581 14 Familien Weinbau betrieben. Doch warum eigentlich Wein? „So sind die Menschen damals an Alkohol gekommen“, sagt Hogelucht. Bierbrauen sei dem Adel vorbehalten gewesen und so musste der Gerstensaft teuer im Jestädter Schloss gekauft werden. Zudem wurde Wein vielfach benötigt, so unter anderem als Würz-wein zur Stärkung sowie zur Desinfektion.

Geschützt:  Dank dem Einsatz des Eschweger Biologen Dr. Helmut Sauer sind die Weinberge in Jestädt seit 1978 ein anerkanntes Naturschutzgebiet.

Im 16. Jahrhundert wurde der Weinbau in Jestädt sogar professionell betrieben: Walrab von Boyneburg-Hohenstein – der erste Adlige, der sich in Jestädt niederließ – diente lange Zeit unter König Franz I. in Frankreich und lernte dort neue Wirtschaftsformen und seine Liebe zum Wein kennen. „Er brachte den Weinbau in Jestädt richtig in Gang“, sagt Hogelucht. So ließ er den Winzermeister Melchior aus Franken kommen, um den Jestädter Weinberg neu anzulegen und so den Ertrag zu verbessern. Auch im 17. Jahrhundert wurde der Weinbau noch durch die Familie von Boyneburg-Hohenstein noch ernsthaft betrieben: 1738 wurden acht Winzer erwähnt, zudem gab es einen Weinmeister und etwa ein Dutzend Personen halfen bei der Traubenlese. 

Zu dieser Zeit hatte das Rittergut in Jestädt sieben Acker Weinberge, auf denen im Schnitt 20 Ohm (etwa 3000 Liter) geerntet wurden. Doch schon im 18 Jahrhundert war Schluss mit dem Weinbau: „Da verließ der Weingott Bacchus die Region und schickte uns die Reblaus“, sagt Hogelucht. Die Weinberge wurden je nach Lage zu Ackerland, Obstwiesen oder Gärten umgewidmet. Die besondere Flora und Fauna der Weinberge rief bereits in den 1930er-Jahren Naturschützer auf den Plan, sodass diese bereits 1935 zum flächenhaften Naturdenkmal erklärt wurden. Ein besonderer Freund dieses Geländes war laut Hogelucht der Biologe Dr. Helmut Sauer aus Eschwege, der sich in den 1970er-Jahren massiv dafür einsetzte, das Gelände als Naturschutzgebiet auszuweisen – was 1978 erfolgte. Aber nicht nur für Weinbau sei Jestädt bekannt, weiß Hogelucht: „In der Zeit des Dritten Reiches wurden hier Maulbeerbäume gepflanzt, um Seidenraupen zu züchten, woraus dann die Fallschirmseide für die Lufttruppen hergestellt wurde.“

Doch ganz vorbei ist es mit der Weintradition in Jestädt nicht: Hobbywinzer Holger Wieditz produziert jedes Jahr einige Flaschen Rot-, Weiß- und Roséwein. „Für die Lagerung des Rotweins hat er sich sogar eigens ein Barrique-Fass anfertigen lassen“, sagt Hogelucht. Seinen Wein konnten kürzlich Gäste des Heimatvereins Jestädt verkosten, während sie von Hogelucht die Geschichte des Weinbaus hörten. Und es geht weiter: Familie Glitz-Hölzerkopf hat jüngst Rebstöcke in ihrem Garten an den Weinbergen angepflanzt, um die Tradition fortzusetzen.

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