Der jüdische Friedhof Jestädt ist einer der Ältesten in Hessen

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Interessiert sich für Geschichte: Der Hobby-Historiker Heinrich Hogelucht aus Jestädt kennt sich mit der Geschichte des jüdischen Friedhofs in dem Meinharder Ortsteil sehr gut aus.

Jestädt. Lieblingsorte, Lieblingserlebnisse und Lieblingsspeisen - die Werra-Rundschau nimmt Sie in der Serie „100 Dinge, die wir an der Region mögen“ mit auf eine Heimat-Entdeckungstour für alle Sinne. Diesmal geht es auf den jüdischen Friedhof Jestädt.

Jüdisches Leben hat es in Jestädt kaum gegeben, aber jüdische Spuren gibt es in dem Meinharder Ortsteil dennoch: auf einem der ältesten jüdischen Friedhöfe Hessens entlang der Kreisstraße zwischen Jestädt und Motzenrode zwischen Pletsch- und Pochmühle im Mühlbachstal. Entstanden ist der Friedhof laut dem Hobby-Historiker Heinrich Hogelucht aus Jestädt schon vor Beginn des 16. Jahrhunderts. Hogelucht ist sehr vertraut mit der Geschichte des Ortes und insbesondere des Friedhofs.

Dass der bis 1855 genutzte jüdische Friedhof bis heute so gut erhalten ist, dafür hat Hogelucht eine einfache Erklärung: „Die Jestädter waren während der NS-Zeit Juden gegenüber neutral eingestellt und der Friedhof wurde während dieser Zeit nicht geschändet.“ Doch wieso gibt es in Jestädt eigentlich einen jüdischen Friedhof, wenn dort lediglich zwei jüdische Familien gelebt haben? Die Antwort ist so profan wie simpel: Damit haben ortsansässige Adelige wie die Familie von Boyneburg Geld verdient. Juden war es zu dieser Zeit lediglich gestattet, Grund und Boden für eine Begräbnisstätte zu erwerben. „Die Adligen haben im Laufe der Jahre immer wieder Ackerland zur Erweiterung des jüdischen Friedhofes an die jüdischen Familien in der Umgebung verkauft“, erklärt Hogelucht. „Die Jestädter waren während der NS-Zeit Juden gegenüber neutral eingestellt und der Friedhof wurde während dieser Zeit nicht geschändet.“ Heinrich Hogelucht So wurde der Friedhof in Jestädt zum Bezirks- und Sammelfriedhof der jüdischen Gemeinden aus Sontra, Abterode, Reichensachsen, Netra und Eschwege. Die jüdischen Familien hätten auch einen jährlichen Erbzins für den Friedhof zahlen müssen. Hogelucht vermutet, dass mit diesen Einnahmen die Unterhaltung des Schlosses finanziert wurde. Und auch die Jestädter an sich seien einfallsreich gewesen und hätten den Friedhof als Einnahmequelle genutzt. „Erzählungen älterer Jestädter nach, soll unter anderem der Müller der Pletschmühle an Beerdigungstagen die Schweine rausgelassen haben und sie erst gegen eine Geldzahlung wieder weggesperrt“, erzählt Hogelucht.

Die letzte jüdische Beerdigung fand in Jestädt im Jahr 1855 statt. Beigesetzt wurde Salomon Kugelman aus Abterode. Sein Grabstein ist auch eine Besonderheit, erzählt Hogelucht: „Es ist der einzige Grabstein mit einer Inschrift in hebräischen und lateinischen Schriftzeichen.“ Allgemein seien die jüdischen Grabsteine sehr aufwendig gestaltet und würden oft mit schmucken Ornamenten auf das Leben des Verstorbenen verweisen. Zwar sind die meisten Grabsteine in Jestädt bereits sehr verwittert, dennoch kann man auf einigen die Verzierungen noch deutlich erkennen. Für einen Historiker wie Hogelucht eine Fundgrube. Bei einem der Grabsteine, auf dem eine Phiole und ein Messer zu sehen sind, vermutet der 78-Jährige, dass an dieser Stelle ein Mohel – ein Beschneider – begraben wurde.

Besonderer Grabstein: Salomon Kugelman aus Abterode war 1855 der letzte, der auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurde. Sein Grabstein trägt Inschriften in hebräischer und lateinischer Schrift.

Allgemein weiche die jüdische Friedhofs- und Bestattungskultur sehr von der christlichen ab, berichtet Hogelucht. So würden jüdische Friedhöfe und Grabsteine sich selbst überlassen und nicht gepflegt. „Wenn ein Grabstein umgefallen ist, dann ist das eben so“, sagt Hogelucht. Denn die Ruhe eines Bestatteten geht in der jüdischen Kultur über die Pflege der Grabstelle. Auch werden auf jüdischen Friedhöfen keine Blumen gepflanzt oder abgelegt. „Dies soll ausdrücken, dass die Menschen im Tod alle gleich sind.

Sie werden ohne etwas geboren und gehen, ohne etwas mitzunehmen“, erklärt Hogelucht. Trauernde legen als Erinnerung an den Verstorbenen einen kleinen Stein auf dem Grabstein ab. Diese Tradition gehe laut Hogelucht sehr wahrscheinlich auf den jüdischen Auszug aus Ägypten zurück: „Man konnte einem Verstorbenen keine größere Ehre erweisen, als auf seinem Grab so viele Steine wie möglich abzulegen, und seinen Leichnam so vor wilden Tieren zu schützen.“ Auch darf man einen jüdischen Friedhof nicht jederzeit betreten: So sind Besuche am jüdischen Ruhetag Sabbat - in der Zeit zwischen Einbruch der Dunkelheit am Freitag und Einbruch der Dunkelheit am Samstag - sowie an den jüdischen Feiertagen nicht gestattet. Die Gemeinde Meinhard hat deshalb ein Hinweisschild am Eingangstor aufgehängt, an dem auch die Feiertage aufgelistet werden.

Als gegen 1860 die umliegenden jüdischen Gemeinden eigene Friedhöfe anlegten, verlor der jüdische Friedhof in Jestädt seine Bedeutung als Bezirksfriedhof. Gegen 1920 wurden im Auftrag eines Eschweger Industriellen die Grabsteine von Staub und Schmutz der Jahrhunderte gereinigt und die Inschriften von einem Sachkundigen kopiert. Dabei wurden 300 Jahre alte Familiennamen wie Katzenstein, Levy, Kahn und Wertheim entdeckt. Heute obliegt die Pflege des jüdischen Friedhofes der Gemeinde, wie es in der Richtlinie über die Sicherung und Erhaltung jüdischer Friedhöfe in Hessen aus dem Jahr 1992 festgelegt ist.

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