Im Westen was Neues

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Vom Balkon aus hat Hugo Manegold, dessen Geschichte im Buch 740 Jahre Grebendorf verewigt ist, Blick auf die Silberklippe, hinter der sein Heimatort Kella liegt.

Grebendorf. Hugo Manegold war noch nicht einmal 17 Jahre alt, sein Bruder Karl-Josef gerade zehn Jahre, als sie den Hof, auf dem sie aufgewachsen waren, verlassen mussten.

Als „Ungeziefer“ hatte sie die Staatssicherheit (Stasi) der DDR damals intern bezeichnet. Eigentlich pflegten sie nur zu enge Kontakte in die amerikanische Zone.

„Wo das Wasser hinfließt, dahin unterhält man halt seine wirtschaftlichen Beziehungen“, sagt Hugo Manegold. Das sei schon immer so gewesen. Und weil der Kellaer Bach in die Werra mündet, hatten die Einwohner von Kella auch nach Besetzung der Ostzone durch die Sowjets weiter regen Kontakt nach Grebendorf und Eschwege. Das wurde der Familie Manegold und anderen Bauern aus Kella zum Verhängnis. Im Jahr 1952 sollten sie auf Anweisung der Staatssicherheit aus dem Grenzgebiet ins Hinterland zwangsumgesiedelt werden, weil sie als politisch unzuverlässig galten. Um einer Zukunft in der DDR zu entgehen, entschieden sich die Manegolds für die „Republikflucht“. In einem Brief an seine Schwester aus dem Gießener Notaufnahmelager berichtet Josef Manegold von der Flucht.

Es war ein Freitag, als das Leben der Manegolds eine entscheidende Wendung nahm. „Hintenherum“ hatten sie erfahren, dass sie ausgewiesen werden sollten. Vater Josef schickte die Kinder Gretel (18), Hugo (16) und Karl-Josef (10) mit Pferden, Wagen, Kühen und Rindern in Richtung Westen. Der Vater selbst suchte noch Mutter Emma, die es um ein Haar nicht geschafft hätte. Auf Braunrod traf die Familie wieder zusammen. „Das war ein Wiedersehen“, schreibt Josef Manegold an seine Schwester. Von der Großmutter konnten sie in der Hektik keinen Abschied nehmen. Sie starb drei Jahre später in Kella.

Ein Familienbild der Manegolds, aufgenommen nach der Flucht: (von links) Emma, Hugo, Josef, Karl-Josef und Gretel.

In Grebendorf fanden die Manegolds genau wie die Familie Fiedler Aufnahme. Manegolds wohnten auf dem Hof des Landwirts Karl Stück. Vieh und Wagen kamen in umliegenden Ställen unter. „Wir wurden toll in Grebendorf aufgenommen“, sagt Hugo Manegold auch im Namen seines Bruders Karl-Josef. In den folgenden Tagen nach der Flucht kehrten die Manegold-Kinder noch häufiger an die Grenze zurück. Die ehemaligen Nachbarn brachten Kleidung und Haushaltswaren vorbei. „Zurück ins Dorf haben wir uns nicht mehr getraut“, erinnert sich Hugo Manegold.

Glücklicherweise hatten Manegolds im Westen auf Braunrod noch zwei Hektar Land, das sie bewirtschafteten. Sie pachteten noch Flächen hinzu und konnten sich mit der alten Schule in der Kirchstraße in Grebendorf bald ihren eigenen Hof kaufen.

Lange hatte die Familie gehofft, nach Kella zurückkehren zu können. Doch nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 machten sich Manegolds keine Hoffnungen mehr. Umso größer war die Freude, als sich vor 23 Jahren auch in Kella der Eiserne Vorhang hob. „Leider bekamen wir unsere Besitztümer bis auf ein wenig Land nicht wieder zurück“, bedauert Hugo Manegold. Dort, wo das Elternhaus stand, hat jetzt die kommunale Verwaltung ihren Sitz. 1952, so fand ein Untersuchungsausschuss heraus, seien ökonomische Gründe ausschlaggebend für die Zwangsevakuierung gewesen. Der Bauernstaat wollte die 14 Hektar Land und den Hof.

Von Tobias Stück

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