Verborgene Schätze

Ein Blick hinter die Mauern des Klosters Germerode

Germerode. Es ist ein ehrwürdiges Gebäude mit einer traditionsreichen Geschichte: das Kloster in Germerode. Neben den öffentlich zugänglichen Räumen gibt es welche, die im Verborgenen liegen – und einen Blick wert sind.

Der Aufstieg ist nicht gerade das, was man einen Spaziergang nennt: Die einfachen Holztreppen sind schmal und an einigen Stellen so steil, dass man das Gefühl hat, man laufe eine Steilwand empor. Doch die Anstrengung lohnt sich: Fast ganz oben im Kirchturm des Klosters Germerode gewährt einem eine kleine Öffnung Zutritt zu einem gigantischen, langgestreckten Raum. Der ist durchsetzt von fünf Steinhügeln, deren Oberfläche aussieht wie auf dem Mond: weiß-gräulich schimmern sie in dem Licht, Staub bedeckt die einzelnen Steine, die willkürlich zusammengesetzt scheinen. Doch Willkür wird nicht am Werk gewesen sein: Die Steinhügel bilden die Kuppeln der Kirche, die die Besucher des Klosters sonst nur von unten sehen. „Die Steine sind so angeordnet, dass sie sich selbst halten“, erklärt Friedrich Arnoldt. Der ist gerade mit den beiden Flüchtlingen Asef und Ayahthllo aus der Unterkunft in Abterode dabei, die Fläche von Staub, alten Ziegeln und Bauschutt zu befreien.

„Immer, wenn mal Arbeiten am Dach oder den Balken angestanden sind, sind die Reste hier oben liegen geblieben“, erklärt Pfarrer Jan-Peter Schulze. Schon länger wollten er und der Kirchenvorstand dort oben einmal sauber machen, „das ist jetzt natürlich eine glückliche Fügung“. Denn so haben zumindest zwei der Flüchtlinge nicht nur ein Projekt, dem sie sich widmen können, sondern auch Zugang zu Räumen, die der Öffentlichkeit sonst verschlossen bleiben. Genießen können sie dabei nicht nur den Blick über Germerode, sondern auch das Glockengeläut: Über eine weitere kleine und enge Treppe gelangt man in einen zugigen Raum mit den drei Glocken, die den Germerödern die Uhrzeit verkünden. „Das Gebälk ist von 1897, wie die Inschrift auf einem der Balken verrät“, sagt Arnoldt.

Doch der Kirchturm ist nicht der einzige der Öffentlichkeit verborgene Raum, der sich auf dem Klostergelände befindet. Unter dem Garten der heutigen Communität Koinonia versteckt sich ein spärlich beleuchteter Keller, der aus mehreren Kammern besteht. „An einigen Stellen sieht man sogar noch, wo mal ein Scharnier für eine Tür gewesen ist“, zeigt Schulze auf kleine Löcher in dem Gemäuer. Von zwei Seiten aus ist der Keller zugänglich, der heute vor allem den Konfirmanden dient: An einem Seil festhaltend, begeben sie sich in völlige Dunkelheit, um zu merken, dass Gott auch dann noch da ist. „Früher war das hier aber wahrscheinlich ein Wirtschaftskeller“, vermutet Schulze, der keine Aufzeichnungen über diesen Teil des Klosters hat. „In Germerode haben leider kaum Ausgrabungen stattgefunden.“

Belegt hingegen ist die Existenz der Nonnenempore. Die wird heute nur noch bei Führungen geöffnet und gibt Einblick in die gesamte Geschichte des Klosters: 1144 sind die Gebäude als Doppelkloster von den Prämonstratensern errichtet worden. Das ist ein Reformorden, deren Mitglieder nicht Mönche und Nonnen heißen, sondern Chormänner und -frauen. „Für beide wurde damals Platz geschaffen, natürlich räumlich getrennt“, sagt Pfarrer Schulze lächelnd. Während die Chormänner die Kirche über die Krypta (den wohl ältesten Teil des Klosters) betraten, wurde für die Frauen ein Zugang auf der gegenüberliegenden Westseite erschaffen. „Vom Refektorium wurde ein Zugang zur Kirche geschaffen“, erklärt der Geistliche. Durch den gelangte man dann auf eine Empore, von der aus die Messe verfolgt werden konnte. „Und daher rührt der Name.“ Das Experiment des Doppelklosters ist übrigens gescheitert: In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde das aufgelöst, die Chormänner mussten gehen. Heute ist davon nicht mehr viel zu sehen: Nach der Reformation wurde zwischen dem Kirchenraum und der Empore eine Mauer eingezogen – die, vor der heute die Orgel steht. In dem abgetrennten Bereich steht heute ein Modell des Klosters, zudem werden dort Utensilien für die Gottesdienste aufbewahrt. „Eigentlich ist es Schade, diesen Raum so versteckt zu halten“, sagt Schulze. Denn neben der Geschichte birgt er noch eine Besonderheit: An der Westfront sind die zwei einzigen gotischen Fenster zu sehen, die in der Kirche verbaut wurden.

Von Constanze Wüstefeld

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