Gertrud Wittmer aus Frankershausen wird Samstag 105 Jahre alt - Das Wandern hat sie jung gehalten

Frankershausen. Gertrud Wittmer aus Frankershausen wird heute 105 Jahre alt. Die rüstige Dame hat einmal dort gewohnt, was heute noch vielen als beliebtes Ausflugslokal bekannt ist: im Schwalbenthal.

„Ich bin ja bestimmt 1000-mal den Meißner hoch- und runtergelaufen“, sagt Gertrud Wittmer, lacht und ist überzeugt davon, dass die Bewegung sie fit gehalten hat. Das Wandern war im Leben der 105-Jährigen immer Vergnügen, aber nach dem Krieg auch Notwendigkeit: Von 1947 bis 1953 lebten Gertrud und Ernst Wittmer mit ihren drei Kindern unter dem Dach im Gasthof Schwalbenthal auf dem Meißner. Heute bewohnt die Seniorin ihr kleines Haus in Frankershausen noch allein - liebevoll betreut von den beiden Töchtern (80 und 78) und dem örtlichen Pflegedienst.

Zweimal pro Woche lief Gertrud in den sechs Jahren, in denen die Familie auf dem Meißner lebte, zu Fuß nach Eschwege, um ihrem Mann Essen zu bringen und mit ihm gemeinsam den Wocheneinkauf im Rucksack aufs Schwalbenthal hochzutragen. Dort wohnte die Familie in zwei kleinen Zimmer einfach, aber glücklich. Fließendes Wasser gab es nicht: In Eimern musste es zum Kochen, Spülen und Wäschewaschen nach oben getragen werden. Auf dem Kohleherd schwappte die Suppe über, wenn jemand die Dielen betrat. Und das Ehebett, in dem der jüngste Sohn ebenfalls Platz finden musste, füllte einen der beiden kleinen Räume fast komplett aus.

Schwalbenthal

Die Kinder gingen nach der Währungsreform 1948 in Vockerode zur Schule, wie ihre Mutter bei jedem Wetter zu Fuß, im Winter auch mit Ski oder Schlitten, bergauf manchmal mit den stinkenden Lastern der Amerikaner, die auf dem Meißner stationiert waren.

So war das Wandern in der Familie von Gertrud Wittmer aber immer auch Freude, in der Natur sein zu können. Viele Eindrücke hat ihr Mann in Aquarellen und Ölbildern festgehalten, darunter zahlreiche Motive aus dem Werra-Meißner-Kreis, die in vielen Häusern heute die Wände schmücken.

Die beiden Zimmer waren keine Bleibe auf Dauer für die Familie. So stellte sich Gertrud Wittmer jede Woche beim Wohnungsamt in Eschwege vor. Eine kleine Wohnung im Nikolaiturm musste wegen fehlender Toiletten wieder verworfen werden. Schließlich bekam man 1953 eine renovierte Wohnung in der Höllmühle im Berkatal.

Zurück in die Sichtweite des Meißners zog es Gertrud und ihren Mann 1963. Die beiden bezogen eines der Siedlerhäuser auf dem Warteberg in Frankershausen, das sie bis zu seinem Tod 1993 gemeinsam bewohnten. Die Höllmühle wurde 1967 abgerissen, um eine besonders scharfe Kurve im Verlauf der Kreisstraße zu begradigen.

Heute verlässt Gertrud Wittmer nur noch selten das Haus. In ihrem Sessel vor dem großen Fenster des Wohnzimmers liest sie Bücher und täglich die Werra-Rundschau, verfolgt die Poltik im In- und Ausland. Im Blickfeld steht auf einer Staffelei ein Ölgemälde von Ernst mit Sonnenblumen. Draußen beobachtet sie das Wolkenspiel am Himmel und den Meißner, der sich jeden Tag neu präsentiert.

Zum Geburtstag erwartet sie neben ihren beiden Töchtern auch einige der fünf Enkel, elf Urenkel und vier Ururenkel.

Zur Person 

Gertrud Koch wurde am 9. April 1911 in Köthen in der Nähe von Halle/Saale als jüngste von drei Schwestern geboren. Sie besuchte die Bürgerschule und ging mit 15 Jahren in verschiedene Haushalte im Harz, bei Dessau und auf der Insel Amrum, wo sie als zweites Wirtschaftsfräulein im Kinderheim des Vaterländischen Frauenvereins in Wittdün arbeitete. Dort war sie für die Vorräte zuständig und verdiente 25 Mark im Monat.

 Im Sommer 1929 verkaufte sie Kunstgewerbe in der Strandhalle in Norddorf auf Amrum - bis zum Tag des Börsenkrachs, nach dem die Badegäste von einem Tag auf den anderen abreisten. Als 19-Jährige begann sie 1930 eine sechsmonatige Ausbildung zur Masseurin und medizinischen Bademeisterin in der Dr.-Rohrbach-Schule in Kassel.

Ihre erste Stelle hatte sie im Gossmannschen Sanatorium in Kassel. Es musste schließen, weil ab 1933 die jüdischen Ärzte fehlten. Sie heiratete 1934 den Werbefachmann und Maler Ernst Wittmer aus Oberhausen. Er war freiberuflich auch für unsere Zeitung und viele Jahre für das Modehaus Koch in Eschwege tätig, als die Schaufenster noch aufwendig dekoriert und Preisschilder von Hand geschrieben wurden. Ab 1957 begann Gertrud Wittmer, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten: in der medizinischen Badeabteilung im Kreiskrankenhaus in Eschwege. Nach dem Renteneintritt 1971 betreute sie noch zehn Jahre lang zweimal pro Woche die städtische Sauna.

Von Gudrun Schankweiler-Ziermann