Interview mit Studentin Lisa Schindewolf: "Fühle mich sicher in Istanbul"

Für ein Auslandssemester in Istanbul: Die Studentin Lisa Schindewolf aus Frankershausen fühlt sich in der Millionenstadt am Bosporus sicher. Foto: privat

Frankershausen/ Istanbul. Die 23-jährige Studentin Lisa Schindewolf aus Berkatal-Frankershausen macht derzeit ein Auslandssemester in der türkischen Millionenstadt Istanbul. Mit ihr sprachen wir unter anderem darüber, wie es ist, in einer Stadt zu leben, aus der man derzeit viel von Anschlägen und Verstößen gegen die Pressefreiheit hört.

Derzeit wird viel über Anschläge und Schüsse in der Millionen-Stadt Istanbul berichtet. Wie nehmen Sie diese Meldungen wahr? 

Lisa Schindewolf:  Die Anschläge im Januar und im März waren meiner Meinung nach gezielte Angriffe des IS auf das freie Leben der Istanbuler, sie hätten aber genauso gut auch in einer anderen Großstadt passieren können. Allerdings ist die Solidarität mit den Türken nicht so groß wie mit den Menschen in Paris oder Brüssel.

Warum ist das so? 

Schindewolf:  Ich finde das sehr schade, da die Menschen hier ein genauso freies Leben ohne Angst führen wollen. Istanbul ist nicht der Nahe Osten, sondern europäischer, als viele glauben.

Im Januar sind bei einem Selbstmordanschlag in Istanbul mehrere Deutsche ums Leben gekommen. Fühlen Sie sich dort dennoch sicher? 

Zur Person

Lisa Schindewolf ist Jahrgang 1992 und studiert Arbeits- und Organisationspsychologie im sechsten Semester an der Hochschule Rhein-Waal in Kamp-Lintfort (nahe Duisburg, Nordrhein-Westfalen). Die gebürtige Frankershäuserin macht derzeit ein Auslandssemester an der Isik Universität in Istanbul. Das endet Ende Mai.

Schindewolf:  Ich habe mich hier zu jedem Zeitpunkt sicher gefühlt. Die Stadt ist zwar immer unglaublich voll mit Menschen, aber genau das macht ihren Charme aus und ich glaube, dass es hier nicht gefährlicher ist als in Berlin, Paris oder Brüssel. Die Polizei ist sehr präsent und es gibt an vielen Stellen, wie zum Beispiel vor der Metro, Pass- und Taschenkontrollen, was ich persönlich als ein Plus an Sicherheit sehe.

Konnte man den Anschlag voraussehen? 

Schindewolf:  Am Wochenende des Anschlags im März wurde ich vom Auswärtigen Amt informiert, dass mit großer Wahrscheinlichkeit ein Anschlag passieren würde. Deshalb sind meine Freunde und ich bewusst an diesem Tag nicht zu den großen Plätzen gefahren. Natürlich waren wir danach sehr betroffen, aber das Semester vorzeitig zu beenden, das hat sich für mich einfach nicht richtig angefühlt.

Geht das Leben jetzt normal weiter oder gibt es Einschränkungen? 

Schindewolf:  Aufgrund der Terrorwarnungen ist die Polizei immer mit einem großen Aufgebot vor Ort. Natürlich hat das auch seine Schattenseiten. In Kadiköy, ein sehr liberaler Stadtteil, in dem auch ich lebe, gibt es oft Demonstrationen. Das kann zu Auseinandersetzungen mit der Polizei führen, wenn diese nicht von der Regierung gestattet worden sind, wie am Weltfrauentag am 8. März.

Journalisten werden in der Türkei angeklagt oder verhaftet, äußern sie sich regierungskritisch. Haben Sie eine Veränderung der Nachrichtenlage dahingehend bemerkt, dass einseitig berichtet wird? 

Schindewolf: Einerseits muss man sagen, dass sich die Lage in der Türkei was die Meinungsfreiheit angeht sehr kritisch zu sehen ist und sich negativ entwickelt hat. Ein Professor meiner Austauschuniversität wurde vor kurzem angeklagt, weil er angeblich den Präsidenten in einem Artikel beleidigt haben soll. Solche Nachrichten sind derzeit leider alltäglich geworden. Andererseits habe ich das Gefühl, dass einige deutschen Medien das Ganze überspitzt darstellen.

Was raten Sie Touristen: Kann Istanbul noch gefahrlos bereist werden? 

Schindewolf: Eine Reise nach Istanbul kann man meiner Meinung nach immer noch guten Gewissens machen. Das Risiko zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein existiert überall. Grundsätzlich sollte man seinen Verstand einschalten: Wenn man irgendwo ein sehr großes Polizeiaufgebot sieht, sollte man diese Gegend meiden. Es gibt zudem die Möglichkeit, sich auf der Homepage des Auswärtigen Amtes zu registrieren, dass man sich in der Stadt aufhält. Sollten sich Zwischenfälle andeuten, wird man sofort informiert.

Wird dort eine Art Deutsch-Feindlichkeit geschürt, gerade nach dem Fall Böhmermann? 

Schindewolf: In der normalen Bevölkerung meiner Meinung nach nicht. Viele Türken, mit denen ich gesprochen habe, waren überrascht, dass die Bundeskanzlerin den Ermittlungen gegen Jan Böhmermann stattgegeben hat, aber gleichzeitig haben wir viel Zuspruch erfahren für unser Rechtssystem: weil Ermittlungen aufgrund einer Rechtsgrundlage zugelassen werden und die Grundlage nicht einfach nach Belieben ausgesetzt wird.

Ist deutsche Satire über die Türkei in dem Land bekannt? 

Schindewolf:  Viele Türken haben auch das Satire-Video von Extra3 gesehen und fanden es sehr gut, auf welche Art und Weise das Lied die Missstände anprangert. Meine Mitbewohnerin wurde beispielsweise auf der Fähre von mehreren Menschen darauf angesprochen und diese haben dann das Lied mit ihr gesungen, ohne Hass oder Fremdenfeindlichkeit.

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