Meißner war für Brüder Grimm ein Blick in die Heimat

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Ein Denkmal in Kassel erinnert an die berühmten Brüder: Jacob und Wilhelm Grimm sammelten Märchen und schrieben sie auf. Doch sie besuchten auch Orte, die mit den Geschichten verknüpft waren, wie den Hausberg der Frau Holle: den Hohen Meißner.

Werra-Meißner. Redakteurin Kathrin Bretzler sprach mit Prof. Holger Ehrhardt von der Universität Kassel darüber, was die Märchenbrüder biografisch mit der Meißner-Region verbindet.

Er hat die Professur zum Thema Leben und Wirken der Brüder Grimm inne: Prof. Holger Ehrhardt von der Universität Kassel. Wenige kennen die berühmten Sprachwissenschaftler und Volkskundler so gut wie er.

Prof. Ehrhardt, was gibt es 200 Jahre nach dem Erscheinen der Grimm’schen Märchen für Sie noch zu erforschen?

Prof. Holger Ehrhardt: Viel! Die Brüder Grimm waren ja nicht nur Märchensammler. Sie haben die Wissenschaft des Deutschen, also der deutschen Vergangenheit, Sprache und Literatur geschaffen. Ganz Europa stand ja bis 1813 unter französischer Fremdherrschaft und bis dahin hatte sich kaum jemand damit beschäftigt - geschweige denn mit dem Sammeln alter Mythen, Volksstoffe, Lieder, Sagen und Märchen!

Wo bekamen die Brüder Grimm ihren Stoff denn her?

Ehrhardt: Das meiste existierte nur als mündliche Überlieferung. Also ließen sich die Brüder die Sagen und Märchen erzählen, zu Hause in ihrer Kasseler Wohnung. Wichtige Zuträgerinnen waren zum Beispiel Dorothea Viehmann und die Töchter Wild aus einer befreundeten Apothekerfamilie.

Die Grimms haben für ihre Volksmärchen gar nicht beim Volk selbst gesammelt?

Ehrhardt: Ja und nein. Sie waren keine Feldforscher in dem Sinn, dass sie sich ins soziale Milieu eingebohrt und den Dorfmenschen aufs Maul geschaut haben. Aber im Fall des Frau-Holle-Märchens war es tatsächlich so, dass Wilhelm und Jakob Grimm auf dem Meißner gewesen sind und Orte wie den Frau-Holle-Teich und die Kalbe persönlich aufgesucht haben.

Woher wissen Sie das?

Ehrhardt: Aus autobiografischen Zeugnissen wie Briefen und Tagebüchern, die teilweise noch nicht veröffentlicht sind. Hier gibt es noch viel zu entdecken. Bisher sind allein 20 000 Briefe der Brüder Grimm nachgewiesen. In diesem Bereich geschieht im Moment die größte Grundlagenforschung.

Was ist über die Reisen der Grimms zum Meißner bekannt?

Ehrhardt: Aus seinen Tagebüchern wissen wir, dass Wilhelm Grimm zwischen 1817 und 1821 viermal nach Hessisch Lichtenau zum Gut Glimmerode reiste. Dort besuchte er seinen Freund Otto von der Malsburg und dessen Familie. Mehrfach verhinderte ein Wolkenbruch seinen Ausflug zum Meißner, erst im vierten Anlauf klappte es. Weil er herzkrank war, wanderte er nicht, sondern fuhr mit dem Leiterwagen. 1822 schreibt er, eine Tasse mit einer Zeichnung des Guts Glimmerode von Frau von der Malsburg als Geschenk erhalten zu haben. Leider ist die Tasse nicht erhalten, sie wäre ein ideales Stück für das Holleum gewesen.

Und Jacob Grimm? Was erzählt er vom Hausberg der Frau Holle?

Er kennt die Brüder Grimm wie kaum ein Zweiter: Prof. Holger Ehrhardt.

Ehrhardt: Ende Mai 1819 las Jacob Grimm das Vorwort zu einem Buch von Dr. Karl Christian Schmieder mit dem Titel „Frau Holle - Ein hessisches Volksmärchen vom Meisnerberge“, das mit angeblichen Ortsbezeichnungen aus dem Meißnergebiet durchzogen ist. Keine vier Wochen später wanderte er los, um sich das anzusehen, von Kassel bis auf den Meißner und zurück. Er war jung und gesund und wanderte 106 Kilometer in drei Tagen.

Aber auch er sprach nicht mit Menschen, die dort lebten?

Ehrhardt: Doch, er hat sich erkundigt, war aber erfolglos. Vielleicht, weil gerade Erntezeit war und die Menschen keine Zeit hatten. Fakt ist, dass die mündlichen Überlieferungen der Märchen von Zeugen aus dem mitteldeutschen Raum stammen, aber kaum etwas aus dem Werra-Meißner-Kreis.

Trotzdem faszinierte die Brüder Grimm der Meißner?

Ehrhardt: Ja. Sie waren in Kassel an seinen Anblick gewohnt. Als sie später nach Göttingen zogen, war der Meißner das Einzige, was sie aus der alten Heimat noch sehen konnten. Wilhelm schrieb in seiner Biografie, der Berg sei ihm „allein bekannt und zutraulich.“

Zur Person

Prof. Holger Ehrhardt (51) stammt aus dem thüringischen Sonneberg. 1989 floh er über die damalige Tschechoslowakei in die Bundesrepublik. Er studierte 1995 bis 2000 in Kassel Anglistik und Germanistik und wurde 2006 promoviert. Am 2. Februar 2012 trat er seine Professur in Kassel an. Es ist bundesweit die erste Professur, die sich ausschließlich mit dem Leben und Wirken der Brüder Grimm befasst.

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