Doktorandin schreibt Arbeit über den Frau-Holle-Teich

Verbirgt den Eingang zum Reich von Frau Holle: der gleichnamige Teich auf dem Hohen Meißner. Derzeit wird das Gewässer von einer Doktorandin aus Jena vermessen, die über die Ergebnisse ihre Abschlussarbeit schreiben möchte. Foto:  Wüstefeld

Hoher Meißner. Tief unten im See liegt er versteckt, der Eingang in das Reich von Frau Holle: Der gleichnamige See auf dem Hohen Meißner ist nicht allein aufgrund der vielen Sagen, die sich um ihn ranken, ein Anziehungspunkt nicht nur für Touristen.

Denn die ganze Umgebung wirkt wie die aus einem Märchen: Warmes Licht, dass durch die Blätter auf das Wasser des kleinen Sees fällt und gedämpfte Laute, die die Tiere aus dem angrenzenden Wald an das Ufer tragen, machen den Ort zu einem aus längst vergessenen Kindertagen, als Märchen noch die Realität waren.

Ein wenig entweiht werden könnte dieses von Sagen umwobene Gewässer nun durch eine anspruchsvolle Arbeit, die eine junge Doktorandin vom Institut für Geographie von der Universität Jena schreibt: Julia Sprafke befasst sich in ihrer Doktorarbeit mit dem Frau-Holle-Teich – und entkleidet das Gewässer von seinen Mythen, damit das Skelett aus Daten zurückbleibt.

Nach einer ersten Erforschung sehen die bereits anders aus, als bisher angenommen: Nur 1,30 Meter gehe es an der tiefsten Stelle hinab, das restliche Gewässer sei mit einer Tiefe zwischen 70 und 80 Zentimetern eher flach, bis man auf den Boden stoße. Von dem wurde ebenfalls eine Sedimentprobe genommen, die in Jena untersucht wird.

Der ehemalige Revierförster auf dem Hohen Meißner, Alfred Dilling, weiß zumindest in Teilen, was dort gefunden werden wird: eine Schicht mit Großalmeröder Ton. Der wurde einst zur Reparatur verwendet, als die eigentliche Tonschicht beim Ausbaggern des Sees 1937 oder 1938 verletzt wurde und der See trocken lief. „Die Nationalsozialisten hatten sich in dem Schlamm germanische Münzen erhofft, weshalb sie den Teich überhaupt ausbaggerten“, erzählt Dilling, der 1967 Revierförster wurde.

Diese Hoffnung geht auf eine Sage zurück: Kinderlose Frauen gingen dort baden, weil sie sich vom Wasser heilende Kräfte erhofften. Um ihrem Wunsch nach Kindern Ausdruck zu verleihen, wurden die germanischen Münzen hineingeworfen. „Gefunden hat man jedoch nur welche, die nach dem Dreißigjährigen Krieg im Umlauf waren“, sagt Dilling.

Seines Wissens nach gab es aber bereits vor 1937/1938 eine Ausbaggerung des Sees, in dem man noch heute das helle Glockenläuten von Frau Holle hören kann: Die Heimatdichterin Helene Brehm aus Abterode, 1862 geboren, habe noch vor der Vollendung ihres 20. Lebensjahres über den Frau-Holle-Teich von einer versumpften Wiese geschrieben, „die anschließend wieder in ihren Ursprungszustand als See zurückversetzt worden sein muss“. Und auch Dilling selbst war dann noch für eine dritte Ausgrabung des Sagen umwobenen Gewässers verantwortlich: 1968 sollte so ein Zuwachsen des Sees verhindert werden. „Wenn der Teich jetzt von der Doktorandin der Geographie vermessen wird, muss das unter dem Wissen erfolgen, dass der See von drei schweren Veränderungen gekennzeichnet ist.“ Fertig sein soll die Arbeit im Sommer dieses Jahres.

Seiner Anziehungkraft wird das aber keinen Abbruch tun: Egal, durch welche Umstände er so geworden sein mag, wie er nun zu sehen ist: Der magische Moment beim Anblick reicht nach wie vor aus, um daran zu glauben, vor dem Eingang zum Reich der Frau Holle zu stehen.

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